"Es macht Spaß, der Schurke zu sein"
Bernhard Hoëcker spricht in "Für immer Shrek" (Kinostart: 30. Juni) das Rumpelstilzchen und macht sich Gedanken über den Neid

externe Links
| Homepage "Für immer Shrek" | |
| Homepage Bernhard Hoëcker |
"Wenn es darum geht, Geld zu verdienen, dann aber richtig", sagt Berhard Hoëcker (40), während er in einem Comic-Heftchen blättert, das begleitend zum Kinostart (30. Juni) von "Für immer Shrek" erscheint. Rumpelstilzchen taucht nirgends auf, und Hoëcker überlegt, ob er sich beschweren sollte. Schließlich leiht der Comedian dem Bösewicht, der Shrek in eine finstere Parallelwelt verfrachtet, aus der sich der Oger nur durch den Kuss der wahren Liebe befreien kann, die Stimme. Vielleicht könnte er Rumpelstilzchen auch selbst in das Heft malen. Das wären dann fast schon Selbstporträts: Der kleine Fiesling und Hoëcker sehen sich erstaunlich ähnlich. Ansonsten gibt es allerdings kaum Gemeinsamkeiten. Während Rumpelstilzchen die Gebote der Fairness erfolgreich ignoriert, macht sich sein Synchronsprecher eine Menge Gedanken über Neid, südamerikanischen Wirtschaftsliberalismus, das Bildungsproblem und den Fortbestand der SAT.1-Show "Genial daneben".
Bernhard Hoëcker: Mir hätte es gefallen, wenn sie mehr
von meinem Astralkörper gezeigt hätten. Aber
amerikanische Filme legen natürlich viel Wert auf Kleidung.
Deswegen ist mein Oberkörper nicht wirklich zu sehen. Ich
habe übrigens gehört, dass Rumpelstilzchen dem
Ex-Disney-Chef Jeffrey Katzenberg nachempfunden ist. Vielleicht
sehe ich ja Katzenberg sehr ähnlich. Vielleicht bin ich ja
auch Katzenberg - in einer zweiten Welt.
teleschau: Das würde irgendwie passen: Rumpelstilzchen ist
der Herrscher eines Paralleluniversums.
Hoëcker: Ich muss aber mal überlegen, ob ich einen
Vertrag unterschrieben habe. Jedenfalls kann ich mich nicht
erinnern. Und den Kuss der wahren Liebe habe ich auch nicht
verteilt.
teleschau: Irgendwas müssen Sie aber gemacht haben,
ansonsten hätten Sie die Rolle nicht bekommen ...
Hoëcker: Dreamworks' Motivation kenne ich nicht. Die
wollten wahrscheinlich jemanden haben, der schon mal im Fernsehen
zu sehen war. Natürlich sagte ich zu, als sie mich fragten.
Ich hatte alle "Shrek"-Filme gesehen: Sie gehören
zu den Highlights aus dem Hause Dreamworks. Also bin ich
hingeflogen und habe eine Casting-Szene gesprochen, was
offensichtlich gut ankam. Ich musste dann allerdings noch etwas
auf die Entscheidung warten, die in den USA getroffen wurde.
teleschau: Können die Amerikaner denn Deutsch?
Hoëcker: Die schauen, ob die Stimme zur Figur passt. Was
Rumpelstilzchen sagt, wissen sie ja. Nur wie er es sagt, ist die
Frage. Während der Arbeit hat mich dann der ständige
emotionale Wechsel gereizt, dem Rumpelstilzchen unterworfen ist.
Mal ist er total lieb und ängstlich, dann wieder sehr
wütend, dann wieder nett.
teleschau: Allgemein ist er ganz schön böse. Sie
konnten ungestraft fies sein ...
Hoëcker: Es macht natürlich Spaß, der Schurke zu
sein. Privat bin ich immer lieb und versuche, dass mich alle
mögen. Im Film kann man dann mal Leute anschreien und zum
Tode verurteilen. Es ist bei Rumpelstilzchen aber immer auch
etwas Kindliches dabei. Eigentlich will er nur geliebt werden. Es
gibt schon Momente, in denen man ihn mögen muss.
teleschau: Es scheint so, als hätte er eine schwere Kindheit
gehabt ...
Hoëcker: Eine nie beendete schwere Kindheit.
teleschau: Sie sagten einmal, dass Sie gerne Chef der Deutschen
Bank geworden wären ...
Hoëcker: Das ist so nicht richtig. Ich hatte die Wahl,
Künstler zu werden oder Volkswirtschaft zu studieren. Wenn
ich das Studium durchgezogen hätte, wäre ich
wahrscheinlich Vorsitzender der Deutschen Zentralbank geworden.
Das sagte ich zu einer Zeit, als die Deutsche Zentralbank noch
eine größere Bedeutung hatte. Heute wäre es: Chef
der Europäischen Zentralbank. Natürlich.
teleschau: Bei der derzeitigen Stimmungslage wäre auch das
ein Bösewicht wie Rumpelstilzchen.
Hoëcker: Halt. Das ist ein Klischee den Bankern
gegenüber. Ohne Banken ständen wir ziemlich dumm da.
teleschau: Sie wollen sich also nicht an der Hexenjagd auf Banker
beteiligen?
Hoëcker: Die Menschen neigen leider dazu, immer gleich ganze
Gruppen von Menschen zu verurteilen. Das ist einfacher. Nur weil
wir linke Neonazis in Deutschland haben, die sich wählen
lassen, müssen wir nicht losgehen und den Hass schüren
auf Leute mit Geld und Leute, die das Geld verwalten. Jeder hat
ein Girokonto, und darum kümmern sich nun mal Banker. Dass
es unter ihnen ein paar schwarze Schafe gibt, ist klar. Man muss
sich überlegen, was man dagegen tun kann.
teleschau: Haben Sie eine Erklärung für die schlechte
Stimmung gegenüber dem Finanzwesen?
Hoëcker: Das Problem bei Handel ist, dass da immer jemand
ist, der etwas gibt und dass es jemanden gibt, der etwas bekommt.
Und man nicht immer das Gefühl hat, dass die Verteilung
gerecht ist. Was, hier sind wir wieder bei "Shrek",
auch bei Rumpelstilzchen so ist. Der handelt auch, aber nicht
fair. Das ist sein Problem. Einen Vertrag abzuschließen, ist
immer etwas Kaltes. Aber ist nicht auch die Ehe ein Vertrag und
doch schön? Und alle warten schließlich auf den Kuss
der wahren Liebe. Dabei sollte man nicht vergessen, das Leben
abwechslungsreich zu gestalten.
teleschau: Ihnen selbst gelingt das offensichtlich: Geo-Caching,
Wüsten-Rallye, Comedy, Synchronrollen, Bücher
schreiben, auf Heavy Metal-Konzerte gehen ...
Hoëcker: Ich war jetzt bei einem Alice-Cooper-Konzert. Er
ist viermal gestorben. Das war geil.
teleschau: Wie geht man denn als Fan damit um, dass diese Heavy
Metal-Ikone Werbung für einen Elektrogroßmarkt macht?
Hoëcker: Er läuft ja nicht unter Heavy Metal. Das ist
mehr so harter Horrorrock. Was ich bei ihm cool finde, ist, dass
er es einfach macht, und es scheint ihm egal zu sein. Das
entspricht nicht den Rockerklischees, aber er verdient Geld
damit. Warum nicht?
teleschau: Dann wäre jemand mit Unverständnis für
Alice Coopers Werbeengagement im Prinzip ein kleiner Neider?
Hoëcker: Ich bin jetzt vorsichtig einem Journalisten
gegenüber ...
teleschau: Das müssen Sie nicht.
Hoëcker: Ich glaube, dass wir zunehmend in einer
Neidgesellschaft leben. Wie sich das entwickelt hat, weiß
ich nicht. Aber ein Slogan wie "Geiz ist geil" ist eine
Werbebotschaft, die nur auf Egoismus aus ist. Mir ist es ein
totales Rätsel, wieso es Leute, die einen Fernseher haben,
doof finden, dass andere zwei Fernseher haben. Wir leben doch in
einem Land, in dem es den Menschen, natürlich mit Ausnahmen,
prinzipiell gut geht. Schlecht geht es uns nur, wenn wir uns mit
anderen vergleichen. Warum soll nicht einer eine Million oder 20
Millionen Abfindung bekommen? Ist doch völlig wurscht. Habe
ich davon weniger zu essen? Nein. Der einzige Grund, das doof zu
finden, ist doch, dass man selbst etwas davon abhaben will.
teleschau: Wenn die Abfindungsempfänger allerdings
Arbeitsplätze aus Ihren Unternehmen gewinnoptimiert
wegrationalisiert haben?
Hoëcker: Dass die Verhältnismäßigkeit gewahrt
werden muss, ist klar. Es soll schließlich nicht in eine Art
südamerikanischen Wirtschaftsliberalismus ausarten.
teleschau: Wie enttäuscht waren Sie, dass SAT.1 mit dem
Format "Genial daneben" so fahrlässig umgegangen
ist?
Hoëcker: Sauer war ich nicht, aber ich verstehe nicht, warum
sie damit aufgehört haben.
teleschau: Jetzt gibt's die "letzte Chance" auf
einem neuen Sendeplatz am Freitagabend (neue, bereits produzierte
Folgen ab 16. Juli, freitags 22.15 Uhr). Wie schätzen Sie
die Erfolgschancen ein?
Hoëcker: Es wird einfacher, weil die Zuschauer am Freitag
kürzer gucken. Am Samstag gibt es immer die Konkurrenz von
Filmen, Fußball und großen Shows. Aber letzten Endes
ist Fernsehen immer eine große Lotterie. Du wirfst einen
Haufen Sendungen auf den Boden: Ein paar keimen, ein paar
vertrocknen.
teleschau: Im weitesten Sinne ist "Genial daneben" ein
unterhaltendes Bildungsformat. Hat Bildung einfach keine Lobby
mehr im Fernsehen?
Hoëcker: Bildungsformat? Das nehme ich mal als Kompliment.
Aber: Wenn wir was in Deutschland haben, dann ist das ein
Bildungsproblem.
teleschau: Das testen wir doch gleich mal: Wie heißt die
Hauptstadt des Tschad?
Hoëcker: Moment, ich hab's gleich: N'Djamen.
teleschau: N'Djamena. Aber das kann man gelten lassen.















