Kino / Portraits

"Oh Mann, das kann man eigentlich nicht machen"

Götz Otto spielt in der Persiflage "Iron Sky" (Kinostart: 5. April) einen richtig bösen Nazi

Ein Finne hatte das Sagen, und das merkt man: "Iron Sky" (Kinostart: 5. April) ist eine Nazi-Persiflage, die sich ein deutscher Regisseur wahrscheinlich nicht getraut hätte. Da aber alles auf das Kommando von Timo Vuorensola hörte, darf nun herzlich gelacht werden. Über Nazis - was man hierzulande nicht so gerne macht. Das weiß auch Götz Otto: Der 44-jährige Schauspieler spielt eine der Hauptrollen: den unheimlich bösen Nazi-Offizier Klaus Adler. Mit Bösewichtern kennt sich Götz Otto zwar aus, er war immerhin schon Bond-Gegenspieler in "Der Morgen stirbt nie", aber einen Nazi als Karikatur zu spielen - das bereitete ihm doch hin und wieder Bauchschmerzen.

teleschau: Ist die Zeit reif, sich über Nazis lustig zu machen?

Götz Otto: Ich find's großartig, einen Film ins Kino zu bringen, bei dem man über eine Sache lachen kann, über die man normalerweise - zu Recht - nicht lacht. Es tut uns Deutschen manchmal ganz gut, nicht immer alles mit einer extremen Bedenkenträgerhaltung zu betrachten. "Iron Sky" ist kein Film, der die Nazis verherrlicht - im Gegenteil. Er führt das ganze Herrenmenschentum, den Rassenwahn ad absurdum.

teleschau: Und zwar mit Erfolg: Wie sehr hat Sie der "Iron Sky"-Hype auf der Berlinale überrascht?

Otto: Es hat mich überrascht, dass wir überhaupt angenommen wurden. Wobei ich es großartig fand, dass wir dort stattfanden. "Iron Sky" ist nun mal kein typischer Arthaus-Festivalfilm.

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teleschau: Aber "politisch anspruchsvoll" ...

Otto: (schmunzelt) Okay, es gibt den einen oder anderen Witz. Aber man bleibt doch trotzdem politisch sehr korrekt dabei.

teleschau: Man hatte etwas mehr Giftigkeit erwartet ...

Otto: "Iron Sky" ist nicht der kontroverse Film, den vielleicht viele erwarten oder der politisch unkorrekte Wahnsinns-Trash. Nein: Er ist Mainstream-Popcorn. Das ist allerdings auch eine Qualität, die ein Film erst einmal erreichen muss. Auch wenn frühere Drehbuchversionen noch viel schräger waren: Der Film ist unheimlich witzig. Viele absurde Ideen akzeptiert man allerdings einfach, ohne groß darüber nachzudenken.

teleschau: Zum Beispiel?

Otto: Dass die Nazis mit einer archaischen Kampftechnik zum Angriff auf die Erde blasen: Sie werfen Steine! Okay, es sind große Steine, Meteoriten. Aber sie haben einfach Schleudern an ihre Raumschiffe gebaut. Eine klasse Idee, die zeigt, dass die Nazis eben immer noch in der Steinzeit leben. Dennoch: Ich habe ein bisschen Angst, dass die Leute einen politisch unkorrekten Film erwarten. Denn das ist er nicht. Was ich gar nicht so schlecht finde, weil ich bisweilen befürchtete, dass der Film missverstanden und in eine rechte Ecke gerückt werden könnte. Als ich die ersten Trailer sah und die düster-stampfende Filmmusik von Laibach hörte, dachte ich: "Oh Mann, das kann man eigentlich nicht machen."

teleschau: Dachten Sie zwischenzeitlich mal daran, auszusteigen?

Otto: Überhaupt nicht. Ich fand das Projekt immer fantastisch und wusste, dass die Macher keine "Thor Steinar"-Klamotten tragen. Ich hatte eben nur manchmal die Befürchtung, dass sie zu unbedarft rangehen. Mir war es wichtig, dass "Iron Sky" nicht ambivalent genug wird, um als rechter Propagandafilm missverstanden werden zu können. Wie gesagt: Bei den Trailern war ich mir da manchmal nicht ganz sicher. Den Finnen ist das allerdings völlig wurscht. Die haben zum Beispiel beim SXSW-Festival in Austin, Texas, einen Kornkreis in Hakenkreuz-Form angelegt und drüber geschrieben "We Come In Peace". Das würde kein Deutscher machen. Natürlich nicht.

teleschau: Wie ernsthaft kann man bleiben, wenn man Sätze wie "Heil Kortzfleisch!" sagen muss?

Otto: Ich war total gegen den Namen Kortzfleisch. Damit kann doch niemand Führer werden. Das habe ich dem Regisseur Timo Vuorensola auch gesagt. Aber er blieb standhaft. Es gab massenhaft Szenen, bei denen ich nicht ernsthaft bleiben konnte. Vor allem, wenn ich mit Udo Kier und Tilo Prückner drehte - die beiden sind wahnsinnig komisch.

teleschau: Die Nazis wurden alle von Deutschen gespielt: Haben Sie, Julia Dietze, Udo Kier und Tilo Prückner dem finnischen Team überhaupt Input geben können?

Otto: Klar. Allein schon wegen der Tatsache, dass wir die Hälfte des Films in Deutsch drehten, einer Sprache, die Timo Vuorensola nicht versteht. Sätze wie "Wir sehen uns in Walhalla" oder "Ein wunderhübscher Schädel für Odins Tafel" haben wir uns ausgedacht - also diesen ganzen kruden nordisch-mythologischen Schwachsinn, auf den die Nazis so abfuhren.

teleschau: Sie haben schon öfter Nazis gespielt, zum Beispiel in "Der Untergang" und "Schindlers Liste". Ist es einfacher, Nazis als Parodie zu spielen?

Otto: Normalerweise schaut man immer nach dem Menschen hinter der Uniform, man sucht die reale Figur. Hier ging's aber darum, die Figur möglichst groß aufzublasen. Da menschelt nichts, und das macht einen Heidenspaß. Hier geht's nur darum, "böse as böse und Nazi as Nazi can be" zu sein.

teleschau: Sie haben damit offensichtlich einen Nerv beim Publikum getroffen.

Otto: Die Berlinale-Vorstellungen waren in gefühlten 20 Sekunden ausverkauft. Ich fand es ganz erstaunlich, wie sich "Iron Sky" im Internet verselbständigt hatte. Über den Film wurde schon seit Jahren geredet: Als ich 2009 in Budapest "Säulen der Erde" drehte, sprachen mich Kollegen darauf an. Ich wusste ehrlich gesagt selber noch nicht, dass "Iron Sky" wirklich stattfinden wird. Aber die wussten es.

teleschau: Wie? Sie wussten nicht, dass Sie auf der Besetzungsliste standen?

Otto: Natürlich. Ich bin seit sechs Jahren bei dem Projekt. Aber dass der Film wirklich gedreht werden würde, stand lange nicht fest.

teleschau: Gab es in dieser Zeit einen Moment, an dem Sie dachten: Das wird nichts!

Otto: Permanent. Je länger ein Projekt dauert, umso wahrscheinlicher ist ein Scheitern. Wenn die Finanzierung im ersten oder zweiten Anlauf nicht steht, wird es später immer schwieriger. Hier war es aber so, dass es einen Grundstock gab und im Internet ein Hype entstand, der letztendlich hilfreich war.

teleschau: Die Internet-Community hat dem Vernehmen nach fast eine Million Euro zum Budget beigetragen - durfte Sie dafür mitbestimmen?

Otto: Naja, da ging es wohl maximal um Artwork-Vorschläge: Wie sollen die Zeppeline aussehen und solche Sachen. Es ist unmöglich, einen Film demokratisch zu machen - dafür würden weder Zeit noch Geld ausreichen. Was ich beim Prinzip Crowdfunding allerdings interessant finde: Bekommen die Leute, die viel Geld gegeben haben, ihren Einsatz zurück, wenn der Film erfolgreich wird? Und wird eventuell auch noch etwas draufgepackt? Das ist wichtig, ansonsten ist das Modell mittelfristig zum Scheitern verurteilt.

teleschau: Sie glauben nicht, dass die Internetcommunity einfach nur Projekte unterstützen will, die ihr am Herzen liegt?

Otto: Wenn es um kleine Beträge geht, fünf, zehn oder 20 Euro dazugeben - ja. Wenn die Leute aber richtig Geld reinstecken, 10.000 oder 20.000 Euro, wie es bei "Iron Sky" vorkam, dann machen die das nicht, um eine verrückte Idee zu fördern. Das ist zu viel Geld.

Andreas Fischer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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