Vor 20 Jahren fiel bei RTL der Startschuss für Deutschlands erste Daily Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Fast genauso lange ist Wolfgang Bahro (51) jeden Abend, um 19.40 Uhr, als gewiefter Anwalt Jo Gerner in den deutschen Wohnzimmern zu Gast. Anlässlich der 5.000. Folge, die bei RTL mit einer Jubiläumswoche voller dramatischer Ereignisse rund um Gerner und Co. gefeiert wird, erinnert sich der Schauspieler und Kabarettist an die bescheidenen Anfänge von "GZSZ" und erklärt, warum es auch nach fast zwei Jahrzehnten noch Spaß macht, den "Fiesling der Nation" zu spielen.
teleschau: Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. 5.000 Folgen GZSZ - hätten Sie 1993 gedacht, dass die Serie so lange durchhält?
Wolfgang Bahro: Nein, definitiv nicht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich so lange bei dieser Serie bleibe. Ich komme vom Theater und vom politischen Kabarett und wollte eigentlich nur ein bisschen mehr Fernseherfahrung sammeln. Kurz vorher hatte ich fürs ZDF einen Sechsteiler ("Durchreise", d. Red.) abgedreht, der mir sehr viel Spaß machte. Da spielte ich einen schwulen Modeschöpfer. Dann kam das Angebot, die Rolle des Jo Gerner zu spielen, und ich dachte: Naja, das ist dann mal eine ganz andere Farbe.
teleschau: Können Sie sich noch an Ihren ersten Drehtag erinnern?
Bahro: Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass mich damals Frank Thomas Mende, der den ersten Satz in "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" sprach, an die Hand nahm und mir alles zeigte und mich sehr kameradschaftlich aufnahm. Besonders ist mir auch in Erinnerung geblieben, dass es damals noch keine Garderoben gab. Stattdessen gab es einen großen Raum, in dem lauter Garderobenständer standen, auf denen die Kostüme der einzelnen Rollen hingen. Die Schauspieler zogen sich dann hinter dem Garderobenständern ihr Kostüm an. Das war damals noch sehr provisorisch.
teleschau: Da hat sich in Deutschlands erfolgreichster täglicher Vorabendserie inzwischen sicher einiges getan.
Bahro: "GZSZ" ist definitiv professioneller geworden. Der größte Teil des Casts besteht heute aus ausgebildeten Schauspielern. Die Zeiten, in denen Laien und Models den Hauptcast ausgemacht haben, sind vorbei. Aber auch vom Making Of, von den Kameras, vom Set her hat sich einiges getan. Es hat jetzt generell schon alles Primetime-Qualität.
teleschau: Werden Sie im Privatleben oft mit "Dr. Gerner" angesprochen?
Bahro: Das passiert mir sehr häufig, sogar im Ausland. In St. Petersburg wurde ich zum Beispiel von einem russischen Studenten angesprochen, der erzählte, er habe mit der Serie die deutsche Sprache erlernt. Natürlich habe ich es lieber, wenn man mich mit meinem richtigen Namen anspricht, aber inzwischen habe ich mich schon dran gewöhnt.
teleschau: Begegnen Ihnen die Menschen positiv? Schließlich ist Gerner ja der Fiesling der Serie ...
Bahro: Die Leute stehen Gerner sehr positiv gegenüber. Viele fasziniert die Figur, weil sie gegenüber ihren Arbeitgebern oder der Gesellschaft selbst eine Machtlosigkeit empfinden und es deshalb toll finden, wenn jemand diese Macht besitzt, die Gerner hat. Außerdem ist er, seit er die Familie hat, ja eher der besorgte Familienvater geworden.
teleschau: Trotzdem: Wenn Marie-Luise Marjan dank ihrer "Lindenstraßen"-Rolle die "Mutter der Nation" ist, dann sind Sie so etwas wie der "Fiesling der Nation".
Bahro: Ja, sicher. Ich werde ja nicht umsonst manchmal auch der J.R. des deutschen Fernsehens genannt. Ich finde das sehr positiv. James-Bond-Darsteller kamen und gingen, aber an die Bösewichte wie Gert Fröbe als Goldfinger, Curd Jürgens als Stromberg oder Christopher Lee als der Mann mit dem goldenen Colt erinnert man sich in erster Linie. Oder Darth Vader aus "Krieg der Sterne", das ist auch eine schillernde Figur. Die Bösewichte sind immer die reizvolleren Rollen.
teleschau: Also gefällt Ihnen an Ihrer Rolle vor allem, dass Sie nicht nett und freundlich sein müssen?
Bahro: Es macht mir Spaß, weil die Rolle nicht plakativ ist, sondern eben ihre guten und ihre schlechten Zeiten hat. Sie ist sozusagen repräsentativ für die Serie.
teleschau: Haben Sie ein Mitspracherecht bei der Entwicklung Ihrer Figur?
Bahro: Ja, wir Schauspieler treffen uns regelmäßig mit den Autoren. Da können wir unsere Wünsche und Vorstellungen äußern oder uns auch mit den Autoren neue Geschichten überlegen. Manchmal haben mich die Geschichten schon etwas überrascht. Da gab es einige Sachen, bei denen ich dachte: Huch, was macht er denn jetzt wieder?
teleschau: Haben Sie eine Lieblingsepisode, ein persönliches Highlight aus 5.000 Folgen "GZSZ"?
Bahro: Ich habe zwei persönliche Highlights. Einmal die Millenniumsfolge. Da ging es darum, dass eine der Personen das Musical "Hair" träumt. Darin treten alle Charaktere von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" auf, aber eben in vollkommen anderen Figuren. Gerner ist in der Folge kein Rechtsanwalt, sondern ein Hippie, der total soft ist, in der Fußgängerzone Blumen verteilt und "Make love, not war" predigt - und auch singt! Und dann gehört noch eine Folge zu meinen Highlights, in der ich mit Hans Christiani, der die Rolle des Daniel hatte, spielte: Da wird Gerner von einem anderen Rechtsanwalt zu einem Wettangeln eingeladen. Das hat Spaß gemacht, vor allem mit Hans Christiani, der ein hervorragender Komödiant ist.
teleschau: Sie zeigen also auch gern mal Ihr komisches Talent?
Bahro: Da ich vom Kabarett komme, möchte ich den Jo Gerner auch immer ein bisschen mit einem Augenzwinkern spielen. Es gefällt auch den Zuschauern, wenn man sich nicht immer ganz so ernst nimmt.
teleschau: Wollten Sie nie mehr Zeit für Ihre anderen Projekte am Theater oder beim Kabarett haben? Das Arbeitspensum für eine tägliche Serie ist hoch.
Bahro: Das kommt immer darauf an, ob man gerade eine sogenannte Major Story hat oder nicht. In den letzten anderthalb Jahren war das Pensum bei mir wirklich hoch, höher als in den Jahren zuvor. Durch die Entführung seines Sohnes war Gerner in den letzten Jahren einer der Hauptparts. Da war ich sehr eingespannt.
teleschau: Wenn Sie dann nach einem langen Drehtag nach Hause kommen ...
Bahro: ... wird Text gelernt für den nächsten Tag! Es sei denn, ich habe am nächsten Tag keinen Text.
teleschau: Sie spielen auch noch Theater, machen Kabarett und Musik, arbeiten als Synchronsprecher ... Haben Sie überhaupt ein Privatleben?
Bahro: Doch, es gibt ja auch noch Samstag und Sonntag. Wobei die Samstage jetzt auch schon belegt werden, zum Beispiel, wenn wir mal aus Krankheitsgründen einen Tag nicht drehen können. Dann wird es schon eng. Aber man hat ja auch Urlaub, und da kann ich dann privat sein.
teleschau: Sie haben in den vergangenen Jahren viele Kollegen kommen und gehen sehen. Bedauern Sie es, wenn jemand aussteigt?
Bahro: Wenn Kollegen gehen, mit denen man enger zusammenarbeitet, ist das schon traurig. Man hat aber nicht mit jeder Figur gleich viel zu tun. Ich habe zum Beispiel bisher wenig mit Thomas Drechsel gedreht, der den Tuner spielt, den besten Freund von Gerners Sohn Dominik. Und das bedauere ich, denn ich finde ihn als Kollegen sehr witzig.
teleschau: Inzwischen sind Sie der letzte "GZSZ"-Darsteller, der fast von Anfang an dabei ist. Haben Sie selbst nie ans Aufhören gedacht?
Bahro: Zwischendurch gab es immer mal wieder Überlegungen aufzuhören. Aber dann haben mich immer wieder neue Geschichten eingeholt und ich dachte: Naja, warum nicht? Es macht ja auch Spaß.
teleschau: Auch den Zuschauern macht die Serie immer noch Spaß. Können Sie sich den Erfolg erklären?
Bahro: Ich glaube, es liegt daran, dass "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" immer wieder versucht, Themen aufzugreifen, die sowohl für jugendliche als auch für ältere Zuschauer interessant sind. Man bemüht sich, immer einen Blumenstrauß von allen möglichen - und auch nachvollziehbaren - Lebenssituationen zu präsentieren. Überall gibt es Situationen, in denen man sich wiedererkennen kann. Das macht den Reiz der Serie aus - und natürlich, dass die Arbeit hier mit sehr viel Charme und Liebe gemacht wird.
teleschau: Wollen Sie mit "GZSZ" auch noch die 10.000. Folge feiern?
Bahro: Ja, sicher ... In 20 Jahren, da ist Jo Gerner dann Bundeskanzler. Oder Bundespräsident, das ist der bessere Job.
teleschau: Und wenn Sie doch mal aussteigen sollten, welches Ende wünschen Sie sich für Dr. Gerner?
Bahro: Ich würde mir ein Ende wünschen wie in einem "Fantomas"-Film: Gerner sitzt auf einer Jacht, diese explodiert plötzlich, und man denkt: So, das war's jetzt. Und dann sieht man aber ein leichtes, kleines Teleskop-Fernrohr von einem Mini-U-Boot, das in der Ferne verschwindet, und man weiß: Ah, da sitzt er drin. Er hat's doch noch geschafft!
Barbara Keil






