Der Satz: "Ich hab' mit meinem Alter gerechnet!" ist inzwischen legendär. Dieter Hildebrandt, den sie so gerne den "Übervater der deutschen Kabarettisten" nennen, hat ihn zu seinem 80. gesagt. Jetzt, zum 85. Geburtstag (23. Mai), könnte er genauso gelten, zumal der Schlesier von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft offensichtlich ohnehin immer jünger wird. Der Terminkalender ist randvoll wie eh und je - egal ob es sich nun um die Stationen St. Pauli-Theater oder Castrop-Rauxel handelt. Seine Auftritte halten den nach eigenem Befinden öffentlichkeitsscheuen, wenn nicht schüchternen Stegreifplauderer jung. Am liebsten, das betont er immer mal wieder, träte er auf dem Podium nach alter Gauklersitte mit einem Schlag von der Lebensbühne ab.
Beim Bayerischen Rundfunk, der ihm vor Jahren den geliebten "Scheibenwischer" gerettet hat, nachdem er lange Zeit für die Livesendungen zwischen München-Waldperlach und einem Berliner Funkturm-Hotel beim SFB pendeln musste, haben sie ihm einen schönen Geburtstagsfilm ganz ohne Pathos und Rührseligkeiten gemacht ("Ein Tag im Leben von Dieter Hildebrandt", Donnerstag, 17. Mai, 19.00 Uhr). Aus Archivbändern und Gegenwartsszenen, in denen er etwa seine Lebensgefährtin, die Ex-Kabarettistin Renate Küster, lobt: "Da, wo sie ist, ist halt zu Hause - so wie Heimat dort ist, wo die Freunde sind." Heimat - apropos: Gleich gibt es einen der genialen Hildebrandtschen Winkelzüge, wenn er an seine "niederschlesische Heimat" denkt: "Lauter fremde Menschen sind heute dort. Der Revanchismus scheitert daran." Damit wäre das auch abgetan.
Hildebrandt braucht man keinem mehr vorzustellen, da ist es fast so wie mit Loriot, dem anderen gescheiten Biedermann. Zwei, die sich vielleicht ergänzen: dort der genialisch Penible (Loriot), hier der improvisierende Dampfplauderer, der sich zwangsläufig immer wieder in irgendwelche Nesseln setzen muss. Der alte Kleist hätte jedenfalls beim Verfertigen der Hildebrandt-Sätze, der abgebrochenen, aus der Kurve fliegenden Gedanken sicher seine Freude gehabt, auch wenn Hildebrandts Vorbilder anders, nämlich Brecht oder Tucholsky, heißen.
Ein "Urgestein" - "Brr!" - will er nicht sein. Er weiß, "wie Urgestein aussieht: Bäh!" Eher schon freut es den allzeit kämpferischen Politkabarettisten, wenn - wie auch schon geschehen - auf ihn geschossen wird oder wenn man ihn "Nestbeschmutzer", "Giftmischer" oder "roten Heini" nennt. Er selbst ist ja auch ein keineswegs ungefährliches Tier: "Wenn man den richtigen Biss hat, findet man immer Fleisch zum Reinbeißen" - ist so ein schöner bleibender Satz von ihm.
Noch einmal besucht er den alten "Laden" der "Lach- und Schieß" in der Haimhauser Straße, das Wort "Schwabing", wo in den 50-ern alles begann, kommt ihm beinahe gerührt über die Lippen. Als ihn einst (1979) das ZDF mit seinen "Nachrichten aus der Provinz" vom Sender schasste, gewährte ihm der SFB-Intendant Haus bei der ARD in Berlin ein neues Domizil, "weil er ein Anhänger der Lach- und Schießgesellschaft" war.
Das Ende kennt man, fast zweieinhalb erfolgreiche Jahrzehnte mit dem "Scheibenwischer", bis hin zum schwarzen ausgeblendeten Bildschirm, der TV-Sünde Bayerns, wegen einem nach Tschernobyl "verseuchten Papst". "Nach dem Fernseh-Ende nehme ich mir das Leben", bahauptete er zum Ende des "Scheibenwischers" im Ersten spöttisch - und besorgte sich einen Tennisschläger, um sich mit Freunden wie Dieter Hanitzsch stattdessen auf dem Court zu prügeln.
"Ein unglaublich jung gebliebener Mensch" sei er, sagt einer der Freunde, Hansi Well, und vor allem sei er "identisch mit dem, was er sagt". Inzwischen leistet es sich der Meister sogar, Fehler zuzugeben. Ludwig Erhard beispielsweise. Auf dem Erfinder der sozialen Marktwirtschaft habe man fälschlicherweise herumgehackt. Wie weise. Kein Wunder, dass da Freund Gerhard Polt gleich die Aufnahme ins Lehrbuch einer künftigen Kabarettakademie fordert und unverhohlen droht: "Er wird g'lernt werd'n müssen!" Er - das ist "der Hildebrandt".
Zum 85. Geburtstag sendet der BR am Donnerstag, 17.05., einen Themenabend mit Dieter Hildebrandt.:
"Ein Tag im Leben von Dieter Hildebrandt", 19.00 Uhr
"Silberdisteln" (TV-Film von 1998), 19.45 Uhr
"Kir Royal" (Folge eins), 21.15 Uhr
"Dieter Hildebrandt - Das Beste!", 22.30 Uhr
"Köpfe in Bayern. Dieter Hildebrandt - ein Porträt zum 85. Geburtstag", 23.30 Uhr
Wilfried Geldner










