Er sieht nicht bloß aus wie eine verruchte Mischung aus Jeff Bridges und Daniel Day-Lewis, er spielt auch so - seinen Ruf als Charakterdarsteller hat sich Josh Brolin redlich verdient. Nach Fernsehserien und Filmen in den 80-ern und 90-ern landete der Stiefsohn von Barbra Streisand und Ehemann von Diane Lane seinen ersten größeren Kassenerfolg als Wissenschaftler in "Hollow Man" im Jahre 2000. Der endgültige Durchbruch kam 2007 in "No Country For Old Men", dem Epos der Coen-Brüder. In der Blockbuster-Fortsetzung "Men In Black 3" spielt der heute 44-jährige Amerikaner die jüngere Ausgabe von Agent K (Tommy Lee Jones) im Jahre 1969, der vom zeitreisenden Agent J (Will Smith) besucht wird, um sein Leben und die Welt zu retten.
teleschau: Wie schwer war das nun wirklich, den jungen Tommy Lee Jones zu spielen, ohne den alten zu imitieren, Mr. Brolin?
Josh Brolin: Du weißt am Anfang nie, wie es am Ende ausgeht. Irgendwann sitzt Du da, guckst den fertigen Film und betest, dass er funktioniert. Wir arbeiteten uns durch viele schlecht gespielte Szenen, die Sie als Zuschauer nie zu sehen kriegen. Wir probierten Dinge aus und stellten uns so trügerische Fragen wie: Wie fröhlich soll er sein, der junge Agent K? Wie sehr wollen wir ihn lachen sehen? Wie sehr weinen? Wie viel Platz für Romantik steckt in ihm?
teleschau: Studierten Sie Ihren Kollegen?
Brolin: Ich versuchte, mir Teile von Tommy Lee Jones zu schnappen, die funktionieren könnten, schaute mir alte Filme von ihm an, "Der Mann mit der Stahlkralle", "Die Augen der Laura Mars" und "Nashville Lady", zum Beispiel. Ob es helfen würde, wusste ich nicht. Die Chemie ist auch sehr entscheidend. Man kannst sie spielen, aber nicht kreieren. Bei Will Smith hatte ich Glück. Am Set traf ich ihn zum ersten Mal überhaupt, und er begrüßte mich gleich mit "Yo, Mann, wie geht's Dir?" Er war sehr reizend, es stimmte einfach zwischen uns. So konnte ich mich auf meine Arbeit konzentrieren.
teleschau: Und Tommy Lee Jones? Hatten Sie den als "Tommy Lee Jones-Berater" am Set?
Brolin: Nein.
teleschau: Kein Feedback à la "Nein, so bin ich nicht, wie Du das gerade gespielt hast"?
Brolin: Nein, gar nichts davon. Immerhin hörte ich mal so etwas wie: "Ich mag Deinen Tommy Lee Jones. Ist wie meiner, als ich begann."
teleschau: Sie spielen nicht zum ersten Mal einen kauzigen, brummigen Mann, "Men In Black" aber ist kein Drama, sondern eine Komödie. Haben Sie daran Gefallen gefunden? Werden wir Sie bald gar in Liebeskomödien sehen?
Brolin: Würden Sie das gerne sehen? Mich in einem Liebesfilm?
teleschau: Ich nicht. Aber wahrscheinlich die Damen.
Brolin: Ich weiß nicht. Für mich sind das ja alles irgendwie Liebesfilme gewesen. Und brummig? Ja, Dan White in "Milk" war das. Meine anderen Charaktere sehe ich nicht so, auch nicht den in "No Country For Old Men". Ich drehe einen Film namens "Labor Day", das wird meine Version einer romantischen Liebeskomödie sein. Eine schräge Version. Ich habe wirklich keine Abneigung gegen irgendein Genre, ich würde liebend gerne eines Tages eine romantische Komödie drehen.
teleschau: Aber?
Brolin: Aber ich finde diese Rollen nicht allzu kompliziert. Sie erscheinen mir ein bisschen wie einfache Kohle. Das soll nicht abwertend klingen, es gibt Leute wie Ryan Reynolds, die einfach umwerfend sind in solchen Filmen. Von "Selbst ist die Braut" zum Beispiel bin ich ein großer Fan, den habe ich schätzungsweise dreimal gesehen. Ich habe keinen größeren Plan, mal diese oder jene Figuren zu spielen. Ich mag schwierige Charaktere einfach lieber. Die fühlen sich so an, als hätte ich meine Arbeit getan.
teleschau: Sie arbeiten also gerne hart für Ihr Geld?
Brolin: Ich mag arbeiten, Mann. Ich mag, was ich mache. Ein Beispiel: Ich spiele bald im Remake von "Oldboy" mit, das wird bestimmt nicht leicht werden. Das wird sehr, sehr schwierig, und das ist okay so. Es macht mir Angst, die ganze Idee dahinter macht mir Angst. Doch ich will mir mein Geld schlichtweg verdienen. Aber wer weiß, vielleicht werde ich auch eines Tages einen Film mit Bruce Willis machen.
teleschau: Oliver Stone sagte über Sie, Sie hätten großen Star-Appeal, aber kein Interesse daran, ein Hauptdarsteller sein. Stimmt das?
Brolin: Nein, das stimmt nicht. Was ist denn schon ein wirklicher Hauptdarsteller? Ich werde als Charakterschauspieler wahrgenommen. Das finde ich wundervoll, es ist ein großes Kompliment für mich. Aber ein Hauptdarsteller? Daniel Day-Lewis ist einer. Oder nicht? Doch, ist er. Nenn' es wie du willst - ich bin bloß verdammt dankbar, dass ich weiterarbeiten kann. Und jetzt, mit mehr Erfolg, muss ich vermehrt Entscheidungen treffen. Und ich mag, dass ich eine Wahl habe. Viele Jahre hatte ich keine, zumindest keine so große. Doch ich habe schon öfter große Eventfilme abgelehnt, weil ich den Charakter nicht wollte.
teleschau: Wie wichtig ist Ihnen denn die Wahrnehmung der Kritiker?
Brolin: Mir ist wichtig, dass die Leute den Film mögen. Sie sollen nicht sagen, dass sie den Film mögen, wenn sie es eigentlich nicht tun. Ich bin von Kritikern schon gekillt worden. "Jonah Hex" war so ein Phänomen, da ging es noch nicht mal um den Film, sondern längst um etwas anderes. "Wir hassen den Film!", riefen die Kritiker. Ob sie ihn gesehen haben? "Nein, aber wir hassen ihn trotzdem!" Schlussendlich tut es weh, wenn Leute schlimme Dinge über dich schreiben. Schließlich habe ich auch Kinder und all das, an das die Leute nicht denken, wenn sie schreiben. Gleichzeitig aber ist das die Natur dessen, was wir tun: Wir werden in ein riesiges Scheinwerferlicht gestellt, um beurteilt zu werden.
teleschau: In "Men In Black 3" reist Will Smith als Agent J ins Jahr 1969, um Sie, das jüngere Ich seines Partneragenten K, zu retten. Wohin würden Sie zeitreisen, wenn Sie könnten?
Brolin: Puh, da habe ich keinen bestimmten Punkt. Wir alle geben da die gleiche Antwort. Was soll man darauf auch antworten: Zu Jesus? Buddha? Mahatma Gandhi?
teleschau: Sie könnten Ihr jüngeres Ich besuchen, wie es im Film Ihrem Widersacher "Boris die Bestie" passiert.
Brolin: Wenn ich nur eine Chance hätte? Da würde ich bestimmt nicht mich sehen wollen! Ich kenne mich als Kind doch schon!
teleschau: Dann denken Sie zurück: Wie würden Sie sich beschreiben?
Brolin: Mein jüngeres Ich? Ich war sehr experimentierfreudig, wollte alles ausprobieren, was ich konnte. Das letzte Mal, dass ich abgesehen von der Premiere von "True Grit" in Berlin war, war ich 17, hatte kein Geld, schlief in Ihrem Bahnhof und sprang sechs Monate lang mit einem Rucksack durch die Gegend. Ich liebte es, ich wollte was erleben. Jetzt bin ich wieder hier, stehe auf dem Roten Teppich und in der O2-World warten 7.000 Leute - das ist verrückt für mich. Weil ich beide Extreme erfahren habe. Ich habe nach wie vor gerne mal eine gute Zeit, aber ich bin glücklich, heute älter zu sein. Ich habe einen Grund, ein bisschen ruhiger zu werden.
teleschau: Vermissen Sie das Backpacking, die Rucksackreisen?
Brolin: Ich mache das noch immer! Meine Frau und ich haben unsere eigene Version davon: Wir nehmen uns Auszeiten, schnappen uns ein Auto und schlafen in Motels. Zuletzt übrigens vor rund einem Jahr, glaube ich, in Frankreich. Nach dem Filmfestival in Cannes mieteten wir uns ein Auto, fuhren durch vier verschiedene Länder und schliefen ein paar Nächte im Auto. Wir hatten eine tolle Zeit.
Fabian Soethof










