Kino / Portraits

"In Italien sagen sie 'Mythos' oder 'Il Grande' zu mir"

Lothar Matthäus wird Reality-TV-Protagonist bei vox ("Lothar - Immer am Ball", ab 24. Juni, sonntags, 23.15 Uhr)

Beim Thema Lothar Matthäus scheiden sich die Geister. Da ist der eine Teil der Öffentlichkeit, der sofort mit dem lustigen "Loddar"-Klischee zur Hand ist und über das ach so kuriose Liebesleben des Ex-Kickers besser Bescheid zu wissen scheint als der selbst, und dann sind da jene Fußballfans, denen das Herz blutet. Fakt ist: Der heute 51-Jährige hat es nach seiner aktiven Karriere nicht wirklich leicht in seiner Heimat. Der Rekordnationalspieler, Welt- und Europameister, der eigentlich den Status einer Fußballlegende genießen sollte, avancierte, sicher mit einer Portion Eigenverschulden, zur Reizfigur, der in den Boulevardmedien mitunter ohne das nötige Mindestmaß an Respekt begegnet wird. Das möchte er nachvollziehbarerweise ändern, das Bild endlich geraderücken - aber ausgerechnet im Reality-TV? Wir fragten Lothar Matthäus, was er sich bei der sechsteiligen Doku-Reihe "Lothar - Immer am Ball" (ab 24. Juni, sonntags, 23.15 Uhr, vox) gedacht hat.

teleschau: Herr Matthäus, schlagen wir die Spanier diesmal?

Lothar Matthäus: Einfach wird es nicht. Auf jeden Fall gehört Deutschland zusammen mit Spanien zu den Favoriten. Es wird aber eine sehr enge Europameisterschaft, es können auch andere um den Titel spielen - ich zähle die Engländer dazu, Holland, Italien, vielleicht einen Gastgeber.

teleschau: Was hatten uns die Spanier bislang voraus?

Matthäus: Nur Nuancen. Aber die entscheiden im Fußball. Sie waren eingespielter, ein bisschen erfahrener. An einem guten Tag können wir sie heute schlagen, aber Vorsicht: Auch wenn wir gegen Spanien gewinnen, heißt das nicht automatisch, dass wir Europameister sind. Wir könnten im Halbfinale auf sie treffen.

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teleschau: Sind Sie in Polen und in der Ukraine vor Ort?

Matthäus: Ich bin in Verhandlungen mit Fernsehsendern, mehr kann ich nicht sagen. Aber ich bin dabei - in welcher Form auch immer.

teleschau: Auf jeden Fall sehen wir Lothar Matthäus im Sommer auch in einer Dokusoap - die Nachricht schlug ein!

Matthäus: Moment, für mich ist das eigentlich keine Dokusoap. Vieles, was bei mir passiert, erscheint vielleicht ähnlich wie in einer Soap, aber sprechen wir lieber von einer Reality-Doku, das passt besser.

teleschau: Wie findet Ihre Freundin Joanna die Idee?

Matthäus: Sie sieht das wie ich: Wir haben nichts zu verstecken. Als Model hat sie natürlich schon mehr Kameraerfahrung als ich, was dem Format sicher zugute kommt.

teleschau: Was bekommt das Publikum zu sehen?

Matthäus: Alles. Alles, was in meinem Leben passierte, als mich die Kameras begleitet haben. Und bevor Sie jetzt fragen: Ja, alles wäre in diesem Zeitraum auch genau so passiert, wenn die Kameras nicht dagewesen wären.

teleschau: Zum Beispiel?

Matthäus: Ganz normale Dinge für mich. Ich fliege nach New York, gehe mit meinem Sohn nach Mailand, um ein Fußballspiel zu gucken, ich gehe zum Skifahren, spiele Fußball mit Freunden, ich rede permanent über Fußball, und ich lebe nun mal momentan in Budapest, wo man dann eben mein Zuhause sehen wird ... Da ist nichts gefaked, nichts nur für die Kamera gemacht. Man sieht nur Dinge, die mein Leben widerspiegeln. Das passt gut zu mir.

teleschau: Warum?

Matthäus: Weil ich auch echt bin. Ich wurde nicht künstlich aufgebaut, nichts ist unecht an mir. Ich habe mir alles selbst aufgebaut, jeder weiß das. Und jeder weiß, was ich in den letzten Jahrzehnten für den deutschen Fußball geleistet habe - nicht nur für den deutschen Fußball, sondern ich erfahre gerade auch im Ausland eine Menge Anerkennung.

teleschau: Trotzdem: Warum jetzt diese Fernsehsendung?

Matthäus: Ich bin gerade vertragslos, ein Trainer in der Warteschleife, also hatte ich Zeit. Ich will zeigen: Hey, vielleicht kennt ihr den Menschen Lothar Matthäus doch nicht so gut, wie ihr glaubt. Will zeigen, wie ich wirklich bin und wie ich lebe, den wahren Lothar Matthäus, auch abseits des Fußballplatzes. Man wird sehen, wie ich mit meinen Kindern umgehe, mit meiner Freundin, mit meinen Freunden, man sieht, wie ich lache, traurig bin oder wie ich mich vielleicht mal mit Joanna streite, auch das kommt vor. Alles Momente, die nicht gespielt sind. Das bin wirklich ich. Ich sehe das als einmalige Chance. Deshalb soll nichts nachträglich beschönigt werden, darauf achte ich sehr.

teleschau: Warum ist es nötig, den wahren Lothar Matthäus zu zeigen?

Matthäus: Weil ich immer wieder feststelle, dass die Leute ein falsches Bild von mir haben. Es passiert mir so oft, dass mir wildfremde Menschen sagen: "Mensch, so wie dich alle immer darstellen, bist du ja gar nicht." Das hat mich letztlich ermutigt.

teleschau: Welche Erklärung haben Sie dafür, dass das öffentliche Bild so anders ist als die Wirklichkeit?

Matthäus: Ich kann nur spekulieren. Es hat wahrscheinlich mit der Frage zu tun, wie und mit wem man am besten Schlagzeilen machen kann: Da gibt es in Deutschland sechs bis acht Personen, mich eingeschlossen, mit denen man die Auflagen in die Höhe treiben kann - in der Regel nicht mit der reinen Wahrheit, sondern mit Schärfe und Sensationsgier.

teleschau: Für Sie ja nichts Neues ...

Matthäus: Natürlich nicht. Man gewöhnt sich auch ein Stück weit daran, aber es ist nicht einfach.

teleschau: Aber ist dann ausgerechnet eine Fernsehreihe mit so privaten Einblicken das richtige Gegenkonzept?

Matthäus: Zu privat soll das Ganze jetzt auch nicht werden. Man sieht, wie ich lebe, meine Wohnung, aber da gibt es auch Bereiche, in denen die Kameras tabu sind. Das Zuhause bleibt weitestgehend privat.

teleschau: Wo genau fühlen Sie sich eigentlich zu Hause?

Matthäus: (lacht) Mein Zuhause ist im Koffer. Man kann mich ruhig einen Globetrotter nennen. Wir reisen unglaublich viel. Auch jetzt in der Zeit ohne Anstellung - das nutzt man eben, um noch mehr von der Welt zu sehen, um die Kinder zu besuchen, mit ihnen etwas Tolles zu unternehmen ...

teleschau: Sehen Sie Deutschland noch als Ihr Zuhause an?

Matthäus: Ich bin gerne in Deutschland, nach wie vor. Vor allem in München, wo ich jahrelang lebte und noch viele Freunde habe, und ich denke schon, dass ich eines Tages wieder meine Wurzeln suchen und zurückkommen werde. Aber tatsächlich fühle ich mich im Moment in Budapest am wohlsten.

teleschau: Kaum sind Sie mal wieder in München, sieht man das auch schon am nächsten Tag in der Zeitung ...

Matthäus: Aber ich lasse es mir trotzdem nicht nehmen, nirgendwo auf der Welt, schön essen zu gehen oder durch die Fußgängerzone zu schlendern. Der öffentlichen Beobachtung bin ich eh überall ausgesetzt. Zum Beispiel auch in Mailand, aber da ist das irgendwie anders.

teleschau: Inwiefern?

Matthäus: In Mailand bekomme ich am meisten Aufmerksamkeit. Aber das ist angenehm. Die Leute suchen den Kontakt, wollen mit mir über meine Fußballerjahre und Erfolge reden, und sie können auch mit einem Nein leben. Es ist wärmer, respektvoller.

teleschau: Erfahren Sie im Ausland generell mehr Anerkennung als in Ihrer Heimat?

Matthäus: Das kann man so sagen. Vor allem in den Medien: Im Ausland gibt es keine Parodien oder irgendwelche komischen Spitznamen, dort bin ich der erfolgreiche Fußballer und Trainer. In Italien sagen sie "Mythos" oder "Il Grande" zu mir ...

teleschau: Arbeitet die Aktivenkarriere noch in Ihrem Unterbewusstsein? Träumt ein Lothar Matthäus noch von besonderen Momenten seiner großen Zeit?

Matthäus: Nein, da arbeitet nichts mehr - das ist Vergangenheit, zu lange her. Ich beschäftige mich grundsätzlich lieber mit der Gegenwart. Natürlich erinnere ich mich immer wieder gerne an große Erfolge, wenn ich auf meinen Reisen an bestimmte Orte zurückkomme. Speziell in Rom und im dortigen Olympiastadion ...

teleschau: Wo Sie 1990 den WM-Pokal in die Höhe reckten ...

Matthäus: Ja. Zu diesem Ort habe ich eine eigene Verbindung. Aber auch wenn ich in Mailand oder München bin, kommen die Erinnerungen hoch, sehr schöne. Aber träumen tu' ich schon lange nicht mehr. Ich bin ja kein Träumer, sondern ein Realist, der auf eine lange Karriere zurückschauen darf - mit vielen außergewöhnlichen Erfolgen, aber auch mit Rückschlägen, vielen Verletzungen.

teleschau: Was lernten Sie daraus?

Matthäus: Über mich: dass ich immer wieder Kraft tanken kann, dass ich immer wieder zurückkomme. Aber irgendwann kam auch die Einsicht, dass man nicht immer Fußballer sein kann, nicht ewig jung bleibt.

teleschau: Schauen Sie mit Wehmut zurück?

Matthäus: Überhaupt nicht. Nach fast 22 Jahren Profifußball besteht kein Anlass dafür. Ich bin stolz auf meine Karriere und zuversichtlich für die Zukunft, weil ich aus unendlich vielen Erfahrungen schöpfen kann.

teleschau: Macht so eine Fußballkarriere stark, oder ist eher das Gegenteil der Fall: Macht der zunehmende psychische Druck einem Spieler heute so schwer zu schaffen, dass er daran zerbrechen kann?

Matthäus: Beides kann der Fall sein - das war früher nicht anders als heute. Auch in früheren Jahren gab es Selbstzweifel und Depressionen unter Profispielern, aber heute ist das Thema im Fokus der Öffentlichkeit - vor allem seit dem Tod von Robert Enke. Es ist sicher gut, dass nun mehr darüber gesprochen wird, denn Profis, Leistungssportler, sind schon einem besonderen Druck ausgesetzt.

teleschau: Wodurch wird der konkret erzeugt?

Matthäus: Durch die Öffentlichkeit. Man steht unter ständiger Beobachtung, muss immer achtsam bleiben, auch außerhalb des Platzes. Irgendwann ist man nicht mehr man selbst. Das alles hat doch ganz schön zugenommen: Du kannst heute nicht mehr über die Straße gehen, ohne dass ein Fan sein Smartphone zückt und dich filmt oder ein Foto macht. So lange man Erfolg hat, ist das alles vielleicht gar kein Problem, aber wenn man Misserfolg hat, vielleicht grobe Fehler macht auf dem Platz, kann es kritisch werden. Man wird drangsaliert, und das kann einem Menschen sehr wehtun.

teleschau: Jetzt sprechen Sie über sich, oder?

Matthäus: Ja. Negatives über mich zu lesen, das ging mir immer sehr nahe - weil es eben nicht nur um mich geht, sondern auch um meine Familie. Ich denke an meine Kinder und auch an meine Eltern, die natürlich sehr traurig sind, wenn sie etwas Schlechtes über mich lesen. Die können mit diesem Status, mit der Öffentlichkeit, ja gar nicht umgehen, sie führen ein anderes Leben. Und dann müssen sie immer wieder Geschichten aus der Fabelwelt lesen.

teleschau: Aber nicht nur ...

Matthäus: Nein, teilweise waren es auch wahre Geschichten, die meine Eltern traurig machten.

teleschau: Sie sind sicher der deutsche Fußballer, der nach seiner aktiven Karriere am intensivsten von der Öffentlichkeit begleitet wird. Woran mag das liegen?

Matthäus: Ich weiß doch auch nicht, wo ich interessanter sein soll als andere. Da müssen Sie Ihre Kollegen fragen. Ich bin doch nicht der einzige Fußballer, der Scheidungen und ähnliche Dinge hinter sich hat, aber nur über mich wird so viel geschrieben. Vielleicht war es wirklich der große Erfolg, den ich hatte. Als Mannschaftssportler so viele Auszeichnungen zu bekommen, wie Weltsportler und Weltfußballer, ist einzigartig - aber vielleicht hat mich genau dieser persönliche Erfolg dann auch ins Rampenlicht oder in die Schusslinie gerückt.

teleschau: Haben Sie nie daran gedacht, sich mal für ein paar Jahre komplett aus dem Fokus zu nehmen, notfalls den Kontinent zu wechseln, wie es Jürgen Klinsmann tat?

Matthäus: Nein. Jürgen war eine Ausnahme, er war immer Fan von Amerika, sein Auswandern hat komplett in seine Philosophie, in seinen Lebensentwurf gepasst. Ich bin ganz anders, meine Wurzeln sind in Europa - auch weil ich hier kurze Wege habe, zu den Leuten, die mir wichtig sind. Außerdem würden mir etliche Journalisten so was bestimmt wieder als Flucht auslegen ...

teleschau: Den Hang zum Davonlaufen kann man Ihnen wirklich nicht nachsagen. Sie stellen sich immer wieder aufs Neue - sind das Nehmerqualitäten?

Matthäus: Naja, so hart im Nehmen bin ich nicht. Mir tut vieles sehr weh, ich nehme auch alles wahr - aber ich lasse die Geschichten nicht mehr so nah an mich heran, wie noch vor zehn oder 15 Jahren.

teleschau: Umgeben Sie sich noch mit vielen ehemaligen Mitstreitern oder internationalen Kicker-Kollegen?

Matthäus: Nein, ich habe heute ein ganz anderes privates Umfeld. Meine engsten Freunde sind natürlich am Fußball interessiert, aber ehemalige Mitspieler sind nicht darunter.

teleschau: Also wird das Thema Fußball in der vox-Dokureihe keinen so großen Raum einnehmen?

Matthäus: Doch, absolut. Fußball ist mein Leben. Ich bin sehr oft in den Stadien, immer über die Entwicklung in den Ligen informiert, schaue mir ständig Spiele im Fernsehen an.

teleschau: Sie sehen mit 51 Jahren noch topfit aus. Trainieren Sie so viel?

Matthäus: Naja, ein bisschen muss ich schon tun. Ich gehe laufen oder in den Fitnessraum. Aber was mich wirklich jung hält: Ich habe eine junge Einstellung, ich habe drei Kinder im Alter von 19 bis 26 Jahren, für die ich nicht nur der Vater bin, sondern auch Ratgeber und Freund.

teleschau: Wie erziehen Sie sie?

Matthäus: Ich möchte nicht mit dem erhobenen Finger auf meine Kinder zeigen, wenn sie sich vielleicht mal nicht korrekt benehmen, sondern mich immer daran erinnern, dass ich in jungen Jahren sicher auch meine Schwächen hatte und sie noch heute habe. Ich finde, mit dieser Einstellung sollte man generell die Erziehung angehen.

teleschau: Wenn Sie ans Älterwerden denken ...

Matthäus: Dann freue ich mich nicht gerade, aber ich bin auch nicht todtraurig. Es gehört zum Leben, also braucht man nicht viel darüber nachzudenken, oder?

Frank Rauscher

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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