In den jugendlichen Tagen des Privatfernsehens setzte "Punkt 12" Maßstäbe. Das RTL-Mittagsmagazin agierte zuerst im Grenzbereich zwischen Nachrichten, Service und Unterhaltung. Bald kupferten andere Sender beim erfolgreichen Produkt ab, doch 2011 konnte es sich immer noch über starke 25,3 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen freuen. Eine Säule des Erfolgs dürfte die engelslockige Moderatorin Katja Burkard sein, die dem Magazin seit 15 Jahren ein Gesicht gibt. Im Interview spricht die 47-jährige Mutter zweier Töchter über ihren Traumberuf - der ihr manchmal kaum Zeit zum Atmen lässt.
teleschau: Sie moderieren seit 15 Jahren "Punkt 12". Eine Sendung, die seit 20 Jahren existiert. Mögen Sie es, wenn die Dinge in ruhigen Bahnen verlaufen?
Katja Burkard: Nein, ich mache den Job nur deshalb schon so lange, weil ich mich darin keinen einzigen Tag gelangweilt habe. Im Gegenteil - die Zeit ist so schnell vergangen, dass ich manchmal nicht weiß, ob ich glücklich oder traurig darüber bin. Doch so ist es eben - wenn man schöne Dinge tut, beschleunigt sich die Zeit.
teleschau: Wie sieht ein typischer Katja Burkard-Arbeitstag aus?
Katja Burkard: Ich stehe um sechs Uhr auf. Meine Kinder schlafen noch, wenn ich das Haus verlasse. Um sieben sitze ich in der Konferenz mit den Chefs unserer Themenbereiche: "Aktuelles", "V.I.P", "Magazin", "Besser leben" und so weiter. Die Themen des Tages werden festgezurrt und an die Autoren vergeben. Danach beginne ich, meine ersten Texte zu schreiben. Das unterbreche ich gegen 9.30 Uhr für Styling und Maske. Die dauert 45 bis 60 Minuten. Nun haue ich wieder in die Tasten. Schließlich macht es 'schnipp' und es ist 12 Uhr. Die Vormittage verfliegen einfach so.
teleschau: Wann ist die stressigste Zeit?
Katja Burkard: Wenn ich aus der Maske komme, die letzten anderthalb Stunden vor der Sendung. Dann schreibe ich sehr konzentriert an meinen Moderationen. Manchmal werden dann noch Abläufe und Themen der Sendung umgeworfen - da geht es dann richtig rund.
teleschau: Wenn man den Job so lange macht wie Sie - gewöhnt man sich an diese Art von Stress? Sodass man kurz vor der Sendung vielleicht sogar relativ gelassen bleibt ...
Katja Burkard: Klar, in jedem Beruf gewöhnt man sich an spezifische Arten von Stress, die Außenstehenden unerträglich erscheinen. Man weiß, was kommt, was alles passieren kann und was nicht. Eine gewisse Grundspannung ist aber immer da, bevor man auf Sendung geht. Ist auch gut so. Wenn aber plötzlich etwas passiert - zum Beispiel eine Geiselnahme - ist die Spannung sofort wieder voll da.
teleschau: Können Sie sich an Ihre stressigste Sendung erinnern?
Katja Burkard: Am meisten mitgenommen hat mich die Geiselnahme in Beslan. Das war 2004, der Überfall auf die Schule in Russland. Als es losging, waren wir die Ersten, die drauf waren, weil unser Korrespondent in der Nähe zum Drehen war. Die Bilder von den blutenden Kindern, die verstörten Gesichter, im Hintergrund die Schüsse - das alles hat sich sehr tief eingegraben bei mir. Ich erinnere mich an jedes einzelne Bild. Auch deshalb bin ich später Patin eines Projektes geworden, das traumatisierten Kindern dort Psychotherapien bezahlt hat. Ich war später selbst in Beslan, habe die Turnhalle besucht, war auf dem Friedhof - ein furchtbares Erlebnis.
teleschau: Man merkt, wie Sie emotional noch immer in diesem Fall drinstecken. Warum hat gerade diese Sache Sie so berührt?
Katja Burkard: Weil ich mich an keinen anderen Nachrichtenfall in meiner Zeit als Journalistin erinnern kann, in dem so brutal und rücksichtslos mit Kindern umgegangen wurde. Dazu kam, dass meine große Tochter an jenem Tag, als es in Beslan losging, einen Schnuppertag im Kindergarten hatte. Da denkt man natürlich als Mutter: "Mein Gott, was tust du da gerade?"
teleschau: Kommen wir zu positiven Gefühlen - was machte die Moderatorin von "Punkt 12" in den letzten 15 Jahren am glücklichsten?
Katja Burkard: Ach, das ist eher profan. Glück ist die Zufriedenheit über eine gelungene Sendung. Und besondere Begegnungen in meiner "Katja trifft ..."-Rubrik. Ich denke an mein langes Interview mit den McCanns, den Eltern der verschwundenen Maddie. Auch an meine Reise nach Utøya, wo ich Überlebende des von Anders Breivik verübten Massakers traf. Ganz weit oben auf meiner Liste besonderer Gespräche ist auch Samuel Koch. Ein Bewegungsmensch, der fast alles verloren hat, was ihn ausmachte. Und der dennoch so positiv, witzig und ehrlich ist. Seine Vielschichtigkeit, wie er sein Schicksal annimmt - das hat mich unendlich beeindruckt. Sein Buch steht nicht umsonst auf den Bestsellerlisten ganz oben. Die Leute merken, wenn etwas authentisch und außergewöhnlich ist.
teleschau: Eine Gefahr des Journalistenberufs besteht darin, in der professionellen Begegnung mit Menschen abzustumpfen. Würden Sie das unterschreiben?
Katja Burkard: Das habe ich für mich nie als Gefahr gesehen. Ich bin heute ebenso neugierig wie als blutjunge Reporterin. Journalisten sind ein bisschen wie Psychologen. Ich will wissen, wie die Leute ticken. Ich habe diesen Beruf ausgesucht, weil er die Lizenz dafür war, Fragen zu stellen. Wenn ich spüre, dass Menschen sich mir öffnen, bemerke ich zwei Dinge in mir: ein großes Verantwortungsgefühl und große Freude. Das geht mir heute genauso wie damals.
teleschau: Wie hat sich "Punkt 12" in den letzten 20 Jahren verändert?
Katja Burkard: Zunächst ist die Sendung von 30 auf 60 Minuten verlängert worden, dann vor fünf Jahren auf 120 Minuten. Das bedeutet mehr Arbeit, mehr Vorbereitung. Auch das "Storytelling" ist heute ganz anders als vor 15 Jahren. Die Geschichten werden stärker personalisiert, und sie werden im Sinne eines Vorher und Nachher umfassender erzählt. Die Schnitte wurden zunächst schneller, geprägt durch das MTV-Zeitalter, und dann wieder langsamer. Heute haben wir HD. Die Bilder von damals sehen aus, als wären sie 50 Jahre alt. 20 Fernsehjahre, das ist ein technischer und ästhetischer Quantensprung.
teleschau: Tatsächlich scheint das Privatfernsehen nach Jahren der Beschleunigung wieder langsamer geworden zu sein. Weil das Publikum mit Sendern wie RTL oder SAT.1 gealtert ist?
Katja Burkard: Das könnte so sein - wir haben aber keine Untersuchungen darüber angestellt. Als Redaktion entscheiden wir ästhetische Fragen oft aus dem Gefühl heraus. Ich denke schon, dass die Zeiten insgesamt ruhiger geworden sind. Man sehnt sich nach Tiefgründigkeit. Man bleibt eher zu Hause als rauszugehen. Familienwerte stehen wieder hoch im Kurs. Man verbringt Urlaube in Deutschland anstatt Fernreisen zu buchen. Wahrscheinlich sind das zyklische Prozesse. Wir als Fernsehmacher reagieren auf so etwas. Auch wenn solche Prozesse oft gar nicht so analytisch sind und eher auf einem Bauchgefühl basieren.
teleschau: Ihre Zielgruppe ist weiterhin die zwischen 14 und 49 Jahren. Mit 47 Jahren entwachsen Sie bald Ihrer eigenen Senderzielgruppe - ein komisches Gefühl?
Katja Burkard: Schon heute nimmt die Zielgruppe der 20- bis 59-Jährigen an Bedeutung zu. Diese neue "Währung" wird die alte möglicherweise schon bald ablösen. Dafür gibt es gute Argumente. Natürlich ist mit uns auch ein Teil der Zuschauer älter und reifer geworden. Bei RTL sitzen schon lange nicht mehr nur junge Nachwuchstalente, sondern gestandene Leute. Ich bin eine davon und habe sicher kein Problem damit.
Eric Leimann






