"Mein Leben ist wunderbar!" Gleich wird sich Ranga Yogeshwar daheim in Hennef mit der Familie an den Mittagstisch setzen, abends dann in Dresden den US-amerikanischen Soziologen Jeremy Rifkin treffen, um mit ihm über die digitale Zukunft zu sprechen. Yogeshwar fühlt sich anscheinend in keiner Disziplin überfordert. Der diplomierte Physiker und Erklärmeister zitiert aus dem Stegreif Thomas Mann, kann im Orchester einspringen und bekam den Deutschen Fernsehpreis als Atom-Experte während der Fukushima-Katastrophe. Zuletzt half der Wissenschaftsjournalist und Moderator (unter anderem "Die große Show der Naturwunder", Do., 19.7., 20.15 Uhr, ARD) in einem afrikanischen Waisenhaus für Elefanten aus, um auf deren Gefährdung aufmerksam zu machen ("Die Natur im Waisenhaus - Ranga Yogeshwar auf den Spuren der Wilderei", Mo., 23.7., 21.55 Uhr, ARD). Schließlich will er nicht weniger als "die Welt verändern". Wenn es irgendwo ungerecht zugeht, hat der 53-Jährige selbst ein "Gedächtnis wie ein Elefant", etwa wenn er an den Wechsel im Bundesumweltministerium denkt. Und obwohl er nur anlässlich von Turnieren wie einer EM zum Fan wird, hat er auch noch was Kompetentes über Fußball zu sagen. Natürlich.
teleschau: Wenn Sie Fußball schauen, sehen Sie dann nur einen sportlichen Wettkampf oder auch die physikalischen Kräfte, die da am Werke sind?
Ranga Yogeshwar: Ich schaue nicht auf die physikalischen Gesetzmäßigkeiten, sondern auf die Kulturen!
teleschau: Das müssen Sie bitte gleich mal erklären!
Yogeshwar: Bei manchen Mannschaften merke ich: Die haben an der Technik ziseliert. Bei anderen erkenne ich: Da gibt es den Superstar, alle anderen drumherum stehen im Schatten und spielen nur den an. Dann gibt es welche, die eher ängstlich spielen. Die spielen dann nicht, die arbeiten. Das finde ich als absoluter Laie spannend! Jeder, der was von Fußball versteht, wird schmunzeln und denken "Mein Gott, Yogeshwar, rede über Dinge, die du kennst!" (lacht) Aber beim Fußball darf ja jeder.
teleschau: Sie dürfen noch mal: Was sehen Sie bei der deutschen Mannschaft?
Yogeshwar: Unterschiedlich! Bei ihrem ersten EM-Spiel zum Beispiel war die Ehrfurcht vor Ronaldo - die allerdings auch medial hochgekocht wurde - so groß, dass die Jungs mit angezogener Handbremse spielten. Da dachte ich mir eigentlich: Ne Freunde, Ihr könnt das! Traut euch!
teleschau: Sie selbst haben neulich auch Fußball mit ungewöhnlichen Gegnern gespielt: mit jungen Elefanten in Nairobi ...
Yogeshwar: In der Tat. Das Witzige war, dass ich dabei schnell vergaß, wer mein Gegner war! Einer, der etwa zehnmal so schwer ist, wie ich selbst! Man konzentriert sich auf den Ball, läuft, und plötzlich denkt man: Stopp mal, was machst du hier eigentlich? Da läuft ein tonnenschwerer Elefant auf dich zu! Der will auch den Ball, und der weicht nicht aus! Junge Elefanten spielen genauso gern wie kleine Kinder. Der kleine Unterschied ist: Wenn ich mit einem Elefanten herumtobe, bin ich platt!
teleschau: Sie waren vor durchaus ernstem Hintergrund in Kenia, für die ARD-Dokumentation "Die Natur im Waisenhaus - Ranga Yogeshwar auf den Spuren der Wilderei". Sie sind bekannt dafür, nicht unnötig Panik zu schüren, doch auch Sie sagen: "Die Elefanten sterben aus." - Wie ernst ist die Lage?
Yogeshwar: Der Elefant ist angezählt. Es gab bereits den Konsens "Wir wollen kein Elfenbein". Jetzt ändert sich das blöderweise wieder, indem man bedingten Abschuss oder Handel mit altem Elfenbein zulässt. Ich habe eine Asservatenkammer gesehen, voll mit Elfenbein, das innerhalb weniger Monate konfisziert wurde. Wenn man da überlegt, dass pro Paar Stoßzähne irgendwo ein Elefant gestorben ist! Um es noch klarer auszudrücken: Etwa drei Wochen, nachdem wir gedreht hatten, wurden zwei der Leute, mit denen wir unterwegs waren, von Wilderern erschossen. Das berührt mich. Und ich dachte noch, die Maschinengewehre dieser Anti-Wilderer-Staffel seien eher ein Statussymbol ...
teleschau: Also nicht nur für die Elefanten eine Angelegenheit auf Leben und Tod.
Yogeshwar: Im Nachhinein merke ich selbst, dass die Situation kritischer ist, als ich sie auf den ersten Blick wahrgenommen habe. Bei der gesamten Elfenbein-Thematik geht's um Arm und Reich.
teleschau: Der Handel ist seit über 20 Jahren verboten, bei uns außerdem verpönt. Wer will das eigentlich noch haben?
Yogeshwar: Es gibt immer noch einen großen Markt in Südostasien, habe ich mir sagen lassen. Die Menge an Geld, die dafür bezahlt wird, ist enorm im Vergleich zu dem, was die Menschen vor Ort verdienen. Sie leben zum Teil am Existenzminimum. Der Elefant, das machen wir uns nicht klar, ist für diese Menschen außerdem zunächst einmal nicht irgendein nettes Tier.
teleschau: Sondern ein natürlicher Feind?
Yogeshwar: Ja, klar. Wenn ein Elefant die Felder eines kleinen Bauern zerstört, ist das für diesen tragisch. Wir hier unterschätzen gerne, wie gefährlich diese Tiere sein können. Wir sehen immer die Zirkuselefanten. Bernhard Grzimek wurde schon zu seiner Zeit sehr klar, dass diese Art von Sicht auf wilde Tiere keine ist, die in diesen Ländern entspringt, sondern hier in den reichen Industrienationen. Aber die Leute vor Ort, die haben ganz andere Probleme. Für mich ist die Geschichte von Elfenbein am Ende auch die Geschichte von Menschen, die in ihrer Verzweiflung diese Dinge machen. Wir sollten versuchen, die andere Seite in gewisser Weise zu verstehen: Der Elefant ist in einem Land wie Kenia zunehmend zur größten Einnahmequelle geworden, weil er Touristen anlockt. Insofern sagt jetzt ganz einfach ein Land: Ein Elefant, der lebt, bringt uns sehr viel mehr Geld und Devisen ein als ein toter Elefant. Denn Elfenbein kann man nur einmal verkaufen.
teleschau: Das heißt, das Land selbst ist auf dem Weg, ein Umdenken zu fördern?
Yogeshwar: Insofern gibt es da schon eine gewisse Konsequenz. Aber ganz entscheidend ist: Es wird nur dann wirklich funktionieren, wenn alle - auch die kleineren Bauern - komplett daran beteiligt werden. Menschen vor Ort müssen ein Tier schützen, das sie normalerweise bedroht, und dann haben sie nichts davon - warum sollten sie das tun? Die Menschen sind ja nicht böse. Wenn Sie an die Schweinemast hierzulande denken, gehen die fast noch nett mit den Elefanten um.
teleschau: Sie haben in einem Waisenhaus für Elefanten mitgearbeitet, deren Mütter Wilderern zum Opfer gefallen sind. Wie muss man sich das vorstellen?
Yogeshwar: Wir haben sogar einen Elefanten eingeflogen! Ich saß zum ersten Mal mit einem Elefanten im Flugzeug! Als wir da waren, kam tatsächlich ein Anruf, dass ein junger Elefant gefunden wurde, der schnellstmöglich abgeholt werden müsse. Wahrscheinlich sei die Mutter von Wilderern erlegt worden. Elefanten-Babys überleben das nicht. Wir charterten eine Maschine, flogen rein in den Tsavo Nationalpark und brachten dann diesen Elefanten, der fast eine halbe Tonne wog, im Flugzeug nach Nairobi und ins Waisenhaus. Ich kann Ihnen sagen, an dem Abend wusste ich, was ich getan hatte! Außerdem war ich dabei, als einige Tiere wieder ausgewildert wurden. Ich ging sozusagen mit den kleinen Elefanten im Busch spazieren, was wirklich seltsam ist! Einmal kamen auch ehemalige Waisen wieder zu Besuch und brachten noch ein paar andere mit. Sehr beeindruckend.
teleschau: Im Februar waren Sie in Kenia, im Juni in der Arktis in Sachen Klimaforschung. Dann wieder fliegen Sie quer durch Deutschland, um Ihre zahlreichen Termine wahrzunehmen. Auch wenn das alles der Aufklärung über unsere Welt dient - Machen Sie sich manchmal Gedanken über Ihre persönliche Energiebilanz?
Yogeshwar: Natürlich. Ich habe sogar mal gesagt, ich bin kein Heiliger. Das ist ja fast schon ein Widerspruch: Ich reise, berichte darüber und produziere damit auch CO2. Aber der entscheidende Punkt ist: Wenn dieses Investment andere Menschen vielleicht dazu führt, dass sie etwas verändern wollen, dann ist es etwas anderes. Sie könnten keine internationale Klimakonferenz zusammenkriegen, ohne dass die Beteiligten auch reisen. Aber am Ende muss man natürlich etwas tun, damit Dinge verstanden werden.
teleschau: Sie haben ein Buch mit Klaus Töpfer zum Thema Energiewende verfasst: Haben Sie auch einen kurzen Ratschlag an Bundesumweltminister Peter Altmaier, der die Energiewende jetzt stemmen muss?
Yogeshwar: Das ist ein Thema, bei dem ich mich über die Art und Weise aufgeregt habe, wie mit seinem Vorgänger umgegangen wurde. Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Norbert Röttgen gewesen, aber ich finde es unglaublich, mit welcher Kälte Politik inzwischen reagiert. Da ist nicht fair mit einem Menschen umgegangen worden. Da bin ich ganz direkt. Einen Wertewandel kriegen wir nur dann, wenn auch der Respekt gegenüber anderen Menschen auf einer anderen Ebene stattfindet. Diese Art, einen Menschen innerhalb einer Woche um zwei Jobs zu bringen, das geht nicht! Da war ich richtig erbost. Obwohl ich nachweislich auch durchaus kritisch mit Herrn Röttgen diskutiert habe. Aber Menschlichkeit geht für mich vor. Da bin ich dann auch eher wie ein Elefant und habe ein etwas längeres Gedächtnis. Dafür kann Herr Altmaier natürlich überhaupt nichts. Aber wäre ich an Herrn Gaucks Stelle gewesen, hätte ich gesagt: Stopp, so schnell nicht. Fehler machen viele Leute. Aber ein Umweltministerium einfach über Bord zu kippen, finde ich nicht ok.
teleschau: Welche Konsequenzen hat das Ihrer Meinung nach für die Energiewende?
Yogeshwar: Das ambitionierteste Projekt, das wir im Moment in Deutschland haben, ist die Energiewende. Und ich finde ganz ehrlich: Überhaupt nichts gegen Herrn Altmaier, aber wissen Sie, das ist so, als würde man mich zum Bundestrainer der Nationalelf machen. Da würde es wohl sehr schnell Proteste hageln. Vor einem Jahr war sich ganz Deutschland klar darüber: Wir wollen da etwas ändern. Nun habe ich ein bisschen Sorge, dass das jetzt politisch ausgesessen wird.
Petra Esselmann







