Als Lucy Diakovska 1995 von Bulgarien nach Deutschland kam, träumte sie von der großen Musikkarriere. Dieser Traum wurde in einer Form Wirklichkeit, die hierzulande bis heute einzigartig ist: Diakovska nahm im Jahr 2000 an der ersten "Popstars"-Staffel teil, schaffte es in die Band und feierte riesige Erfolge (fünf Millionen verkaufte Platten in drei Jahren, vier Nummer-Eins-Hits) mit den No Angels. Weil sich die heute 36-jährige Wahl-Berlinerin mit der "Popstars"-Reise bestens auskennt, darf sie in der Allstars-Jury zum 10. Jubiläum der Castingshow natürlich nicht fehlen. Ab 5. Juli sucht Diakovska zusammen mit Dauer-Juror Detlef D! Soost, Ross Antony (Bro'Sis) und Senna Guemmour (Monrose) nach Nachwuchstalenten (immer donnerstags, 20.15 Uhr). Derzeit weilt die "Popstars"-Truppe auf Ibiza - wo in der Sonne liegen auf der Tagesordnung allerdings ganz unten steht.
teleschau: Frau Diakovska, mal ehrlich: Ist Ibiza wirklich der richtige Platz zum Arbeiten?
Lucy Diakovska: (lacht) Ibiza ist ein toller Ort zum Arbeiten. Aktuell werden unsere Arbeitstage sogar immer länger. Das finde ich großartig!
teleschau: Würden Sie nicht lieber den ganzen Tag am Strand liegen?
Diakovska: Ich bin zum Arbeiten hier! Dementsprechend brenne ich darauf, die Kandidaten zu fördern, das Maximum aus ihnen herauszuholen und ihre Entwicklung zu beobachten. Aber keine Sorge: Obwohl "Popstars" wirklich viel Arbeit bedeutet, haben wir hier auch Freizeit.
teleschau: Wie nutzen Sie diese?
Diakovska: Sport steht ganz oben auf meiner Freizeit-Liste. Aber insgesamt bin ich in den letzten Jahren sehr viel ruhiger geworden. Die Tatsache, dass ich nicht bei meinen Jury-Kollegen im Hotel wohne, ist ein guter Beweis dafür.
teleschau: Sie haben sich ausquartiert?
Diakovska: Ja. Die Gegend, in der sich das Hotel befindet, ist mir zu bewohnt, zu laut. Ich bin etwas abgelegener untergebracht und habe dort extrem viel Ruhe. Das genieße ich sehr. Nur weil ich auf der Bühne ein Energiebündel bin, heißt das nicht, dass ich nicht auch stillere Momente brauche. Die habe ich hier: Morgens werde ich von Vogelgezwitscher geweckt. Das ist bei meinen Kollegen vermutlich nicht der Fall (lacht).
teleschau: Hatten die ruhigen Momente früher auch eine so große Bedeutung für Sie?
Diakovska: Auf keinen Fall! Dahingehend veränderte ich mich in der Vergangenheit wirklich sehr. Mit zunehmendem Alter wird man eben reifer und ruhiger. Mir war es früher beispielsweise nicht so wichtig, mit Freunden bei einem Glas Wein über das Leben zu philosophieren. Das ist heute anders. Zum Glück! Ich bin froh, dass ich die ruhigeren Dinge mehr genießen kann, ausgeglichener und überlegter bin als früher. Davon profitieren sicherlich auch die "Popstars"-Kandidaten.
teleschau: Inwiefern?
Diakovska: Ganz einfach: Ich kann mich in aller Ruhe mit ihnen über meine Erfahrungen unterhalten.
teleschau: Wir reden vermutlich von sehr langen Gesprächen, oder?
Diakovska: (lacht) Mein Erfahrungsschatz ist in der Tat sehr umfassend. Das empfinde ich als großen Vorteil, schließlich hat man als Jurorin viel Verantwortung. Wir entscheiden über die Schicksale von jungen Menschen, da kann es nicht schaden, wenn man den "Popstars"-Weg selbst schon gegangen ist. Wobei Weg das falsche Wort ist: "Popstars" ist eine Reise - egal, ob man als Kandidat mitmacht oder als Jurorin.
teleschau: Eine schöne Reise?
Diakovska: Oh ja. Ich merke gerade, wie gerne ich mich an die letzten zwölf Jahre erinnere. Ich erlebte so unglaublich viel in dieser Zeit, hatte oft das Gefühl, dass all die Erlebnisse gar nicht in meinen Kopf passten.
teleschau: Realisierten Sie erst nach der vorübergehenden Trennung der No Angels, was alles passiert war?
Diakovska: Mir war währenddessen schon auch klar, dass es ziemlich krass abgeht. Aber ich war immer sehr auf die aktuellen Aufgaben fokussiert, zum Reflektieren über das große Ganze blieb nicht viel Zeit. Wir hetzten von Harald Schmidt zu Thomas Gottschalk und weiter zu Oliver Geissen. Durch den Kopf gingen mir in diesen Phasen eher Fragen wie: Oliver Geißen, wie ist der so drauf? Was ist das für ein Typ, was wird der uns wohl fragen? Und was ziehen wir eigentlich an? So ging das die ganze Zeit. Dazu kamen Aufnahmen und Touren. Das war schon happig.
teleschau: Und irgendwann merkten Sie, dass es so nicht weitergehen kann?
Diakovska: Ich realisierte, dass mir das gar nicht so viel Spaß machte und fing an, mir sehr viele Fragen zu stellen. Mir wurde klar, dass zwei Jahre wie zwei Minuten an mir vorübergegangen waren. Ich hatte kein Zuhause. Den anderen Mädels ging es ähnlich. Dass die Trennung folgte, ist bekannt. Ich hielt das damals übrigens für eine ganz normale Entwicklung - und tue das auch heute noch.
teleschau: Das heißt, auch die Gewinnerband 2012 wird diesen Punkt erreichen?
Diakovska: Ich weiß es nicht. Es ist nun mal der Punkt, dass man nach dem Sieg alle glücklich machen möchte: die Fans, die Medien, die Leute, die mit einem arbeiten. Und man darf auch nicht vergessen, dass der Hype eine einmalige Chance ist. Diese Chance sollte man durchaus nutzen. Mit Maß und Ziel.
teleschau: Glauben Sie daran, dass die diesjährigen Gewinner so erfolgreich werden können wie die No Angels?
Diakovska: Das kommt darauf an, wie wir den Erfolg messen. Heutzutage noch so viele Platten zu verkaufen und immer ganz oben in den Charts zu stehen, ist schwierig, weil sich die Musikindustrie sehr verändert hat. Aber um als Band zu bestehen, braucht man meiner Meinung nach keinen Nummer-Eins-Hit. Es geht vielmehr darum, sein Publikum zu finden. Wenn das gelingt, kann man dauerhaft erfolgreich sein, auch ohne in den Charts ganz oben zu stehen. Davon, dass unsere Gewinnerband das schaffen wird, bin ich überzeugt. Wir haben so viele tolle Leute hier - viele von ihnen könnte man schon jetzt auf die Bühne stellen.
teleschau: Dass ehemalige Gewinner in einer Castingshow-Jury sitzen, ist neu - aber eigentlich eine naheliegende Maßnahme, oder?
Diakovska: Für "Popstars" ist das naheliegend, ja. Schließlich ist das eine Show, die schon immer sehr von den mitwirkenden Menschen lebte. Senna, Ross und ich kennen die Show besser als jeder andere, was den Umgang mit den Kandidaten besonders intensiv macht.
teleschau: Warum kam die Allstars-Jury gerade jetzt?
Diakovska: Ein Jubiläum ist immer ein guter Zeitpunkt für eine besondere Maßnahme. Abgesehen davon denke ich aber, dass die Entwicklung der Show zuletzt ein bisschen stehengeblieben war. Diese Veränderung schafft Abhilfe. Ich bin absolut sicher, dass "Popstars" weiterhin sein Publikum finden wird.
teleschau: Ihr Kollege D! hat kürzlich in einem Interview verraten, dass sich die Jury auch mal in die Haare kriegt. Können Sie das bestätigen?
Diakovska: Natürlich. Das ist doch logisch: Vier Leute, vier Meinungen. Ich halte diese Meinungsverschiedenheiten für sehr wertvoll: Jede Einzelne bringt uns weiter. D! ist an diesem Punkt besonders wichtig für die Jury - er holt uns auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn wir zu weit ausholen. Er sagt dann: "Liebe Kollegen, könnt ihr jetzt bitte endlich einfach sagen, wie die Performance für euch war?" Wenn dann alles ausdiskutiert ist, vertragen wir uns wieder. Ich wohne also wirklich nicht in einem anderen Hotel, weil ich mich zu sehr mit den anderen gezofft habe (lacht).
teleschau: Wenn das so ist: Gibt es schon Pläne für eine Juryband?
Diakovska: (lacht) Das ist eine gute Frage! Aber es gibt keine Pläne. Senna, Ross und ich sind musikalisch sehr verschieden. Ich weiß nicht, ob das passen würde. Was nicht heißen soll, dass ich keine Musik mehr machen möchte. Ich werde auch in 20 Jahren noch auf der Bühne stehen, weil ich das einfach brauche.
teleschau: Können Sie sich eigentlich vorstellen, irgendwann wieder nach Bulgarien zu ziehen?
Diakovska: Nein, dazu liebe ich Deutschland zu sehr. Ich lebe in Berlin, verbringe aber auch viel Zeit in Bulgarien. Meine Familie lebt dort, und ich habe einen dreijährigen Neffen, den ich vergöttere. Wir telefonieren oft miteinander, und er ruft dann in den Hörer: "Lucy komm', Lucy komm' schnell!" Das zerreißt mir manchmal schon das Herz. Zum Glück bin ich ganz gut darin, mich vorzufreuen. Ich denke mir: Lucy, in drei Wochen siehst du ihn wieder. Dann ist die Welt noch schöner.
teleschau: Konnten Sie mit Heimweh früher auch so gut umgehen?
Diakovska: Als ich nach Deutschland kam, war ich 18 Jahre alt und komplett alleine. Ich konnte nur zweimal pro Woche mit meinen Eltern telefonieren - und das dann auch nur für vier, fünf Minuten, weil es sonst zu teuer wurde. Das war verdammt hart. Aber gerade in solchen Momenten darf man sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Das galt damals für mich und gilt heute gleichermaßen für die "Popstars"-Kandidaten. Viele von ihnen sind zum ersten Mal von ihren Eltern getrennt. Ich verstehe total, dass das schwer ist. Aber immerhin sind sie in einer großen Gruppe. Da kann man sich gegenseitig auffangen.
teleschau: Wie hielten Sie das damals aus?
Diakovska: Um mich von meinem Heimweh abzulenken, trainierte ich viel an der Musikschule in Hamburg. Wenn ich nach Hause kam, schlief ich. Dadurch war die Zeit, in der ich mich in meine Situation hineinsteigern konnte, sehr begrenzt.
teleschau: Wie lange dauerte es, bis Sie sich eingelebt hatten?
Diakovska: Ich kam 1995 nach Deutschland - und spätestens 1999 fühlte ich mich richtig eingebürgert. Gerade durch "Popstars" musste ich mich intensiv mit der deutschen Sprache auseinandersetzen. Das war gut so. Mittlerweile schreibe ich sogar Songs auf Deutsch. Ich bin stolz, Bulgarin zu sein, aber ich bin auch stolz, die Hälfte meines Lebens in Deutschland verbracht zu haben. Ich schließe nicht aus, offiziell deutsche Bürgerin zu werden.
teleschau: Dass Sie Ihre Freundin Kamelia noch in diesem Jahr heiraten werden, ist auch nicht auszuschließen, oder?
Diakovska: Ich habe keine Ahnung, wann ich heiraten werde. Da gingen in den letzten Wochen falsche Informationen durch die Medien. Was ich weiß, ist, dass ich glücklich verlobt bin. Reicht das nicht erst mal vollkommen aus?
Anna Julia Höhr






