Das Tempo, in dem Andrew Garfield spricht, ist bemerkenswert. Ohne Punkt, ohne Komma, ohne Denkpausen beantwortet er eine Frage nach der anderen. Außer die nach seiner Beziehung zu Co-Star Emma Stone, die er mit wenigen Worten abschmettert - nicht unhöflich, aber bestimmt. Eine Routine, die erahnen lässt, dass der hochtalentierte 28-Jährige schon zu viele Interviews zu diesem Film gegeben hat, durch den er wohl unweigerlich Superstar-Status erhalten wird: "The Amazing Spider-Man" (Start: 28.06.), in dem der höfliche Brite den heldenhaften Spinnenmann Peter Parker spielt.
teleschau: Millionen Fans beneiden Sie darum, dass Sie diesen weltberühmten rotblauen Anzug tragen durften. Sonderlich bequem sieht er allerdings nicht aus ...
Andrew Garfield: (lacht) ... und ich will keine Illusionen zerstören deshalb werden Sie nichts anderes von mir hören, als dass es ein großartiges Gefühl war.
teleschau: Das war allerdings nicht das erste Mal, dass Sie sich das Spider-Man-Dress anzogen.
Garfield: Richtig, das war 1986 zu Halloween. Ich war drei Jahre alt.
teleschau: Können Sie sich erinnern, warum gerade Spider-Man ihr Kindheitsidol wurde?
Garfield: Als ich damals die Zeichentrickserie sah, fand ich es großartig, wie er sich von Hochhaus zu Hochhaus schwang. Ich dachte: "Das will ich auch machen, wenn ich groß bin." Und da wären wir nun.
teleschau: Wen riefen Sie zuerst an, als Sie die Rolle erhalten hatten?
Garfield: Einen meiner besten Freunde, Terry McGuiness. Mit ihm ging ich damals zur Schauspielschule, und nachdem wir "Spider-Man" gesehen hatten, übten wir Tobey Maguires Schlusswort vor dem Spiegel. Er lachte mich aus und meinte, ich würde nie Spider-Man sein ...
teleschau: Als Fan muss es für Sie ja ein besonderes Vergnügen gewesen sein, Spider-Man-Erfinder Stan Lee am Set zu treffen.
Garfield: Das war wirklich ein sehr surreales Gefühl. So, als sei man in einem Raum mit Micky Maus oder Woody Allen. Stan Lee hat mit seinen Werken das Leben so vieler Menschen verändert - auch meins, in vielerlei Hinsicht.
teleschau: Die Veränderungen, die die Rolle nun für Sie als Privatperson mit sich bringt, dürften enorm sein ...
Garfield: Ich bin stolz, Teil des "Spider-Man"-Vermächtnisses zu sein. Aber es ist tatsächlich nicht einfach, denn eigentlich würde ich gern nur Filmschaffender und sonst anonym sein. Dass durch die Rolle nun zwangsläufig auch alle Augen auf mein Privatleben gerichtet sind, flößt mir schon eine gewisse Angst ein.
teleschau: Wie gehen Sie damit um?
Garfield: Ich spreche viel mit Paparazzi. Ich frage sie, warum sie tun, was sie tun. Manche sind nett und erklären mir ihre Situation, dann kann ich durchaus Empathie entwickeln. Dann werde ich nicht wütend - oder sagen wir, weniger wütend. Denn ihr Gebaren ist nun mal bizarr, aufdringlich und irgendwie auch gruselig. Etwa, wenn ich mit meinem kleinen Neffen unterwegs bin.
teleschau: Sie sagten, manche sind nett - was ist mit den anderen?
Garfield: Manche Paparazzi sind wirklich hasserfüllt. Vielleicht, weil sie wissen, dass sie sich schämen müssten. Die gehen schon in die Defensive, bevor ich überhaupt etwas sage. Als ich kürzlich einen Fotografen bat, mich einfach meinen freien Tag genießen zu lassen, warf er mir vor, ich hielte mich für etwas Besseres. Da wird es schwer, Mitgefühl zu entwickeln.
teleschau: Dass er viel fotografiert, wird zwar nicht der ausschlaggebende Grund sein, aber ihre Figur Peter Parker hat an seiner Schule keinen leichten Stand. Wie war eigentlich Ihre Schulzeit?
Garfield: Zwischen meinem fünften und zwölften Lebensjahr wurde ich ebenfalls gemobbt und schämte mich sehr dafür. Ich dachte, etwas stimme nicht mit mir und glaubte irgendwann, dass ich es verdient hätte, gemobbt zu werden. Ich wusste nicht anders damit umzugehen und teilte mich niemandem mit. Dabei wäre das der richtige Weg gewesen: Mit einem Erwachsenen darüber zu reden, jemandem, der einen schützen und einem die Situation erklären kann. Außerdem glaube ich mittlerweile fest daran, dass gemeine Menschen einfach eine Umarmung nötig hätten. Denn das ist es doch, was Mobber suchen: Aufmerksamkeit und Zuneigung. Wenn sie davon genug bekämen, würden sie niemanden fertigmachen.
teleschau: Wie löste sich das Problem für Sie damals?
Garfield: Die Grundschule war hart für mich, aber als ich dann in die High School kam, wurde ich sehr glücklich. Das lag wahrscheinlich daran, dass das eine gemischte Schule und nicht wie zuvor eine reine Jungenschule war. Zum einen, weil ich lieber Frauen als Männer um mich habe und zum anderen, weil das Testosteron dort anders kanalisiert wurde.
teleschau: Aufgewachsen sind Sie in Großbritannien, Ihre ersten Lebensjahre verbrachten Sie allerdings in Los Angeles.
Garfield: Ich habe keine Kindheitserinnerungen an Los Angeles. England ist meine Heimat, der Ort, wo meine Freunde und meine Familie sind. Ich liebe es, wie zurückhaltend man dort sein kann, und wie schwierig es für uns Briten ist, andere anzulächeln und zu umarmen. Los Angeles ist das komplette Gegenteil, alle lächeln und umarmen ständig. Mike Nichols sagte mir etwas Interessantes über die Stadt, als wir uns darüber unterhielten.
teleschau: Nämlich?
Garfield: "Warum sollte man dort leben wollen? In einer Stadt, in der du deinen Wert daran ablesen kannst, wie der Typ, der deinen Wagen parkt, dich ansieht." Er hat völlig recht. In Los Angeles lässt dich jeder merken, ob du an diesem Tag, in dieser Stunde, in dieser Minute Top oder Flop bist. Ich halte das für sehr ungesund.
teleschau: Ist Mike Nichols in der Zeit, in der Sie für ihn im Stück "Tod eines Handlungsreisenden" auf der Broadway-Bühne standen, eine Art Mentor für Sie geworden?
Garfield: Er gehört auf jeden Fall zu den Menschen, die auf ihre eigene Art meinen Weg bereiten.
teleschau: Bei wem würden Sie noch in die Lehre gehen?
Garfield: Bei Robert Redford, der bei meinem Kinodebüt "Von Löwen und Lämmern" Regie führte. So wie auch Mike Nichols sieht er den Sinn des Lebens darin, eine Verbindung zwischen Menschen zu schaffen. Durch Geschichten, durch Kunst oder einfach durch ein paar nette Worte, während man ein Sandwich bestellt.
teleschau: Das ist ein interessanter Ansatz.
Garfield: Durchaus. Aber ich fürchte, dass wir durch den technischen Fortschritt immer weniger miteinander verbunden sind. Aber ich schweife ab: Meine Filmpartnerin Emma Stone ist noch eine große Inspiration für mich, denn sie versucht immer, sich treu zu bleiben. Und daran sollte sich jeder ein Beispiel nehmen.
Annekatrin Liebisch








