Auf einen einfachen Nenner könnte man es vielleicht am besten so bringen: Was ein Timo Boll für das deutsche Tischtennis ist, ist Fabian Hambüchen fürs Turnen. Das passt, auch deshalb, weil beide Sportstars miteinander befreundet sind und bei den Olympischen Spielen einmal mehr zu den deutschen Medaillenhoffnungen zählen. Bevor es in London (27. Juli bis 12. August) ernst wird, bringt der 24-jährige Hambüchen seine hohen Sympathiewerte in ein sportliches Programmevent bei ProSieben ein: In der "Seven Moves"-Woche vom 9. bis 15. Juli dreht sich vieles im Programm der Münchner um die Bewegung und den Spaß daran. Neben Spielfilmen wie der Free-TV-Premiere "Karate Kid" (Sonntag, 15. Juli, 20.15 Uhr) gibt es in den einschlägigen Magazinformaten des Senders unter dem Motto "Action, Fun und gesunder Lifestyle" haufenweise Tipps und Tricks für ein fitteres Leben. Hambüchen, von Kindesbeinen an fit wie der berühmte Turnschuh, mischt bei der ProSieben-Aktion fleißig mit und gibt aus diesem Anlass ein exklusives vorolympisches Interview.
teleschau: Glückwunsch! "Hambüchen ist wieder der Alte", jubelten die Zeitungen nach den Deutschen Meisterschaften im Juni. Olympia kann kommen, oder?
Fabian Hambüchen: Ja, danke. Ich war fast selbst überrascht, wie gut die Form ist - aber es gibt vor Olympia auch noch genügend Luft nach oben. Natürlich ist mir auch ein Stein vom Herzen gefallen - nach den vielen Monaten ohne Wettkampf, wusste ich nicht genau, wo ich stehe. Aber diese Zeit war wichtig: Ich musste nach meiner Fußverletzung im vergangenen Jahr richtig hart arbeiten. In den nächsten Wochen bis London gilt es nun, auch noch das Letzte aus mir herauszuholen.
teleschau: Im Training turnten Sie bereits eine 7,7 am Reck. Sie stellten einen Mitschnitt der Übung direkt ins Internet. Ein Fingerzeig an die Konkurrenz?
Hambüchen: Teils, teils. Klar will ich zeigen, dass ich arbeite, dass ich noch da bin und dass ich bei Olympia stark zurückkommen werde. Aber in erster Linie stelle ich diese Filme ins Netz, um meinen Fans, die mich auch in den letzten schwierigeren Monaten immer unterstützten, etwas zurückzugeben.
teleschau: Sie sind sehr aktiv im Internet.
Hambüchen: Auf jeden Fall. Es gibt heute keinen besseren Weg, um die Fans zu erreichen, alles läuft übers Internet. Und was wäre unser Sport ohne die Fans - ich möchte nicht in leeren Hallen rumturnen.
teleschau: Gab es nach der Verletzung 2011 auch mal den heimlichen Gedanken, die Schinderei und den Leistungssport aufzugeben?
Hambüchen: Nein, es gab nicht einen Moment, in dem ich ans Aufhören dachte. Es war vielmehr so, dass ich mich vor dieser Verletzung schlecht fühlte - irgendwie leer und ausgebrannt. Außerdem schmerzte der Fuß schon eine ganze Weile. Als dann die Achillessehne abriss, war das zwar ein gewaltiger Schock, aber im nächsten Moment auch wie ein Befreiungsschlag: Nun wusste ich, was die ganze Zeit nicht gestimmt hatte. Ich ging voller Motivation in die Reha - immer Olympia 2012 vor Augen.
teleschau: Was treibt Sie an - Ehrgeiz?
Hambüchen: Das ist schwer zu beantworten für einen, der schon seit seinem dritten oder vierten Lebensjahr Sport macht und schon in sehr jungen Jahren zielorientiert den Weg des Leistungssports einschlug. Man begibt sich in einen Fluss hinein, in dem einfach die Erfolge zählen, in dem Aufhören keine Option ist.
teleschau: Und wenn doch mal eine Zwangspause dazwischen kommt?
Hambüchen: Dann brodelt man vor Motivation und Energie. Man will so schnell wie möglich weitermachen und es allen zeigen. Ja, so ist das mit dem Adrenalin. Wenn dann noch die Olympischen Spiele vor der Tür stehen, umso besser ... Es gibt nichts Größeres für einen Sportler.
teleschau: Dachten Sie schon als Kind an Olympia?
Hambüchen: Naja, am Anfang war ich so ein kleiner wuseliger Chaot. Für mich zählte erst mal nur der Spaß an der Bewegung: Laufen, springen, klettern - fand ich alles toll. Und irgendwann wird man dann eben als Talent gesichtet.
teleschau: Talent haben viele. Was zählt noch?
Hambüchen: Ehrgeiz, Begeisterung und vor allen Dingen Mut. Daran mangelte es mir sicher nicht: In der Turnhalle war ich schon immer ziemlich draufgängerisch, muss ich sagen.
teleschau: Sie brachen sich damals auch schon mal den Fuß.
Hambüchen: Ja, aber als Kind steckt man so was noch locker weg. Schlimmer war, dass ich als Kind leider ein bisschen unbeweglich war.
teleschau: Wie bitte?
Hambüchen: Ja, ich war echt noch ziemlich steif. Mit Spagat und dergleichen hatte ich so meine Schwierigkeiten. Aber das lässt sich lernen, wenn man so viel Freude am Bewegen hat wie ich. Ich sage nur: dehnen, dehnen, dehnen ...
teleschau: Muss man als Turner auch ein bisschen verrückt sein? Man geht ja immer ganz alleine aufs Parkett und ans Gerät ...
Hambüchen: Nicht verrückt, aber man muss sich dessen bewusst sein und wissen, wie man damit umgehen kann. Ich merkte schnell: Fitness ist wichtig - aber ohne Kopf ist alles nichts. Seit acht, neun Jahren hilft mir mein Onkel als Mentalcoach. Und mein Vater trainiert mit mir - natürlich ein Glücksfall, dass bei uns alles im Familienbetrieb stattfindet. Gerade wenn ich mal unruhig werde, greift da ein sehr eingespielter Mechanismus ineinander, um mich gegebenenfalls aufzufangen. Es passte bei mir im Umfeld eigentlich immer alles perfekt zusammen.
teleschau: Sie waren schon bei Olympia 2004 dabei - damals mit 16 Jahren als jüngster Starter der deutschen Delegation. Vermissten Sie nicht manchmal das ganz normale Teenagerleben?
Hambüchen: Eigentlich nicht. Als ich 15, 16, 17 Jahre alt war, war immer das Turnen das Wichtigste - und nebenbei galt es, gut durch die Schule zu kommen. Obwohl, nein: Die Schule hatte Vorrang. Meine Mutter sagte klipp und klar: Wenn es in der Schule nicht gut läuft, geht's nicht in die Turnhalle! Da gab es kein Wenn und Aber.
teleschau: Was war mit Disko und Mädchen?
Hambüchen: Ehrlich: Den Wunsch, mir die Nächte in der Disko um die Ohren zu schlagen, hatte ich nie. Ich hatte eh genug Action am Tag - abends war ich froh, wenn ich meine Ruhe hatte. Zu all diesen Dingen hatte ich schon immer meine eigene Einstellung: Man kann alles immer noch später machen, wenn man denn meint, man braucht das. Ich habe wirklich nicht das Gefühl, in irgendeiner Phase des Lebens etwas verpasst zu haben, sondern ich bin glücklich und stolz, wenn ich auf die Jahre blicke. Es ist doch gut gelaufen. Und was die Mädchen angeht (lacht): Das Turnen hat auch seine angenehmen Nebeneffekte.
teleschau: Den Body! Turner sind besonders durchtrainiert.
Hambüchen: (lacht) Genau. Allerdings sind sie meistens auch nicht die Größten.
teleschau: Sie sind 1,65 Meter groß. Dachten Sie in jungen Jahren auch daran, durch das Training fehlende Körpergröße zu kompensieren?
Hambüchen: Nein. Ich sagte schon als Kind: Ich will nicht groß werden! Geringe Körpergröße ist bei Turnern nun mal ein Vorteil. Und das habe ich jetzt davon! Bei mir daheim sind, bis auf meine Oma, eigentlich alle größer als ich. Aber ich hab's ja nicht anders gewollt (lacht).
teleschau: Sie sind längst auch abseits der Turnhalle eine gefragte Person. Ist die Prominenz der Preis des Erfolges?
Hambüchen: Sagen wir's so: Ich wollte erfolgreich sein, aber es war nie meine Absicht, bekannt zu werden. Mir und meinen Eltern ging es nur um den Sport. Als dann die Aufmerksamkeit immer größer wurde, war das für uns wie ein Sprung ins kalte Wasser. Das Telefon stand ja seit Olympia 2004 zu Hause plötzlich nicht mehr still. Wir waren heilfroh, dass wir ein gutes Management fanden, um das Ganze zu koordinieren. Ich musste mich daran gewöhnen, einiges lernen im Umgang mit den Medien. Aber jetzt ist es optimal. Man muss Abstriche machen im Privatleben, aber Prominenz ist in Ordnung - schließlich bin ich als Vollprofi auf Öffentlichkeit angewiesen. Ohne Sponsorenverträge ginge das alles nicht.
teleschau: Sie denken grundsätzlich sehr positiv, scheint es.
Hambüchen: Natürlich. Nur daraus kann man Motivation und Kraft schöpfen - nicht aus Ärger.
teleschau: Wie schwer ist es, authentisch zu bleiben?
Hambüchen: Ich weiß, es gibt genug Leute, die anfangen, sich zu verändern, sobald sie berühmt werden. Aber: Auf dem Boden bleiben, bloß nicht abheben - das ist bei uns so etwas wie ein Familienmotto. Als ich 16, 17 Jahre alt war und die ersten größeren Erfolge hatte, da musste ich allerdings schon aufpassen, gerade nach meinen ersten Olympischen Spielen. Ich glaube, dass ich da auf andere wirkte, als schwebte ich auf Wolke Sieben.
teleschau: Und dann?
Hambüchen: Dann kam die nächste Klausur in der Schule - ich verhaute sie und fand mich auf dem Boden der Tatsachen wieder. Das wirkte nachhaltig, denn ich merkte, mir schenkt hier keiner was. Das gilt, auch und gerade wenn man prominent ist, fürs ganze Leben. Man muss schon genau schauen, was man macht und wo man mitmacht ...
teleschau: Zurzeit arbeiten Sie mit ProSieben zusammen, als Botschafter für das Programm-Event "Seven Moves"-Woche: Vom 9. bis 15. Juli stehen, wie der Sender es ausdrückt, "Action, Fun und gesunder Lifestyle" auf der Agenda. Gesunder Lifestyle - was heißt das für Sie?
Hambüchen: Natürlich in erster Linie Sport. Ich schreibe niemandem vor, dass er jeden Tag zwei Stunden laufen soll, aber wenigstens ein bisschen Bewegung - das muss für jeden drin sein. Es gibt genug Möglichkeiten - notfalls geht schon mal was auf dem Bürostuhl. Und beim Stichwort Ernährung rate ich, die alte Faustregel im Auge zu behalten: Nicht mehr essen, als man verbrennt! Klar, für einen Leistungssportler sagt sich das leicht - ich trainiere 30 bis 32 Stunden die Woche, verbrauche jeden Tag im Training ein paar Tausend Kalorien und folge seit Jahren einem Ernährungsplan.
teleschau: Wo werden Sie schwach?
Hambüchen: Ach, Schokolade, Eis ... Ich würde alles gerne essen. Aber so lange ich den Sport auf dem Niveau betreibe, kann ich es mir nicht erlauben, mir so etwas reinzupfeifen. An einem Abend, meistens am Wochenende, wird daheim aber schon mal eine Ausnahme gemacht (lacht).
teleschau: Empfehlen Sie Eltern, ihre Kinder in den Turnverein zu schicken?
Hambüchen: Natürlich, so früh wie möglich! Das Turnen ist irgendwie die Basis für alles: Es gibt jedenfalls nichts Besseres, um das Bewegungsempfinden und ein gesunders Körpergefühl zu schulen. Man kann danach ja immer noch umsatteln und meinetwegen Fußball spielen.
teleschau: Sie sind 24 Jahre alt. Vor eineinhalb Jahren veröffentlichten Sie eine Autobiografie. Was kann ein junger Sportler aus Ihrer Geschichte lernen?
Hambüchen: Vor allem: Dass man immer positiv bleiben soll. Und dass es auch ohne Internate und große Extrawürste möglich ist, im Sport nach vorne zu kommen. Dass die Schule wichtig ist und die Familie. Außerdem will ich deutlich machen, welch große Rolle der psychische Aspekt im Leistungssport spielt: dass man Mentaltraining nicht etwa deshalb braucht, weil man eine Krankheit hat, sondern weil es einen wirklich stärker und gelassener macht - nicht nur im Sport übrigens.
teleschau: Wie lange werden Sie auf dem Niveau noch turnen?
Hambüchen: Man muss Jahr für Jahr gucken - im Moment gehe ich davon aus, dass ich bis Ende 20 oder Anfang 30 weitermache. Sicher hängt das auch von meinen Plänen nach der aktiven Karriere ab. Mal sehen ...
teleschau: Sie könnten Rennfahrer werden. Wie man hört, sind Sie gerne mal flott mit dem Auto unterwegs.
Hambüchen: (lacht) Ja, wie gesagt, ich bin ein kleiner Draufgänger, und von der Körpergröße her würde das ja auch gut passen. Bevor Sie fragen: Ich hatte schon mal zwei Punkte, aber die sind, glaube ich, schon wieder gelöscht. Nein, ich übertreibe es nicht mehr mit dem Schnellfahren, da ist mir der Führerschein zu wichtig!
Frank Rauscher





