Hinter den Kulissen des deutschen Comedy-Betriebs haben sie sich gefunden: Vince Ebert und Dr. Eckart von Hirschhausen, zwei Naturwissenschaftler im Unterhaltungsbetrieb. Schon lange arbeiten die beiden Wissenschafts-Kabarettisten zusammen. Nun machen sie es offiziell und übernehmen als neues Moderatoren-Duo das von Jürgen Becker abgegebene WDR-Format: "Ebert und Hirschhausen: Der dritte Bildungsweg" (ab So., 8.7., 21.45 Uhr). Außerdem mit dabei: Valerie Bolzano, Vince Eberts Frau. Bei deren Kennenlerngeschichte kann von Hirschhausen auch mitreden. Außerdem sprechen der Arzt und der Physiker im gemeinsamen Interview über die Faszination von Fakten und ihre Auslegung des Bildungsauftrags.
teleschau: In Ihrer ersten Sendung geht's um Alkohol - bei welcher Gelegenheit haben Sie beide Ihr erstes Bier zusammen getrunken?
Vince Ebert: War 'ne ziemliche Orgie (beide lachen) ...
Eckart von Hirschhausen: Naja, Bier spielte bei der Gelegenheit eine eher untergeordnete Rolle. Wenn wir gemeinsam am Programm arbeiten, dann wird auch abends ein Bier getrunken. Aber wir sind beide nicht unbedingt Freunde des Exzessiven. Deswegen versuchen wir auch in der Sendung darüber zu sprechen, wie viel Alkohol ein Segen ist und wie viel ein Fluch.
Ebert: Wir machen natürlich Witzchen über das Thema. Aber wir haben in jeder Sendung einen Experten als Studiogast, in dem Fall den Psychiatrie-Professor Borwin Bandelow. Er erzählt uns, was bei Süchten im Gehirn passiert. Wir versuchen schon, auch dem Bildungsauftrag gerecht zu werden.
teleschau: Sie beide arbeiten schon lange zusammen. Wo sind Sie sich begegnet und haben festgestellt, dass Sie sich so gut verstehen?
von Hirschhausen: Die Idee, Wissenschaft und Kabarett zu verbinden, hielt ja jahrelang keiner für möglich. Ich war mit einer der Ersten. Dann sah ich vor vielen Jahren Vince Ebert mit einem sehr, sehr lustigen Fernsehauftritt. Als klar wurde, dass er auch einen naturwissenschaftlichen Hintergrund hat - nämlich die Physik - haben wir angefangen, zusammen am Programm und an den Büchern zu arbeiten. Die Grundidee, die uns beide begeistert, ist: Es gibt nichts Spannenderes, als die Welt zu entdecken, Dinge zu hinterfragen. Was weiß die Wissenschaft? Was weiß sie nicht? Was uns ärgert, ist, dass man von vielen Leuten erst mal ein Augenrollen erntet, wenn man sagt: "Dazu gibt es eine Studie ..." Deswegen geben wir uns viel Mühe, es so zu verpacken, dass das Publikum gar nicht merkt, dass es etwas lernt.
Ebert: Die Welt der Zahlen, die oft als dröge abgehandelt wird, hat sehr viel mit unserem Leben zu tun - und mit unserer Meinungsbildung. Die Leute diskutieren über die Energiewende, über Arm und Reich, Gentechnik, Schulnahrung. Das sind alles eigentlich naturwissenschaftliche Fragestellungen. Sendungen wie unsere kann man nutzen, um solche Themen von verschiedenen Seiten zu beleuchten.
teleschau: Wie ist das, Herr Ebert, nun auch mit Ihrer Frau Valerie Bolzano auf der Bühne zu stehen?
Ebert: Nach den Drehtagen schauten wir uns an und sagten: Eigentlich war es so wie immer. Wahrscheinlich läuft es bei uns zu Hause genauso ab, ich weiß es nicht.
von Hirschhausen: Das ist wahr!
Ebert: Das Schöne ist, dass Valerie Eckart auch schon ewig kennt.
von Hirschhausen: Sogar noch länger als Vince Ebert!
teleschau: Haben Sie die beiden etwa zusammengebracht?
Ebert: Nein, aber es gibt da eine nette Geschichte: Richtig gefunkt hat es zwischen Valerie und mir beim Jubiläum des Quatsch Comedy Club in Berlin. Valerie ist groß und hat lange blonde Haare - genauso wie Barbara Schöneberger, die an dem Abend auch da war. Irgendwann habe ich mit meiner zukünftigen Frau auf der Tanzfläche ...
von Hirschhausen: ... geknutscht!
Ebert: Ja. Und dann kam ein Kollege entrüstet zu unserer gemeinsamen Managerin und sagte: "Dein Künstler knutscht mit Barbara Schöneberger!" Da ging dann ein paar Tage lang das Gerücht, dass ich was mit Barbara hätte.
teleschau: Und wie darf man sich das nun vorstellen: "Es war so wie immer"?
von Hirschhausen: Es ging darum, einen Kontrapunkt der weiblichen Intelligenz zwischen uns beiden Klugscheißern zu setzen. Dadurch ergibt das im wahrsten Sinne eine lustige Dreiecksgeschichte.
Ebert: In der Sendung zum Thema "Konflikte" gibt es einen schönen Part, in dem Valerie und ich uns streiten, wer der bessere Autofahrer ist. Eckart moderiert das. Damit brachten wir eine der Diskussionen, die wir auch im Alltag führen, auf die Bühne. Und reicherten sie mit wissenschaftlichen Fakten an.
teleschau: Wie unterscheiden sich Arzt und Physiker eigentlich in der Denkweise?
von Hirschhausen: Der Unterschied ist, dass die Physiker von einer Sache viel verstehen, die Ärzte von vielen Dingen ein bisschen weniger. Das ergibt die humoristische Spannung. Vince kommt aus der Theorie, und ich schaue mir die Praxis an, im wahrsten Sinne die Arztpraxis. Da scheint großes Interesse bei den Leuten zu bestehen, die Studioplätze waren sehr schnell ausverkauft. Die Rundfunkanstalten unterteilen historisch ja in Wissenschafts- und Unterhaltungsredaktion. Das Gehirn unterscheidet aber nicht zwischen E- und U-Musik und auch nicht zwischen Wissen und Kabarett, sondern nur: interessant oder langweilig.
teleschau: Ist das denn immer noch so? Infotainment ist doch äußerst populär.
von Hirschhausen: Das ist in unser beider Leben die Aufgabe, diese Mauer in den Köpfen und vor allem bei den Sendern einzureißen. Aber ich bin Berliner, ich weiß, was das heißt ... es braucht Überwindung. Das ist aber der große Trumpf und auch der Auftrag vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, deshalb passen wir da auch so gut rein. Vince und ich haben das Rad nicht neu erfunden, es gab schon immer Leute, die ein gutes Händchen hatten, Wissenschaft zu vermitteln - von Hoimar von Ditfurth über Ranga Yogeshwar bis zu Ralph Caspers. Uns ist eine bestimmte Herangehensweise wichtig: Wir wissen nicht von vorneherein alles, sondern wir entdecken, experimentieren und machen uns auch mal selber zum Deppen. Denn je mehr man weiß, desto mehr ist einem auch klar, dass man eben nicht alles weiß.
teleschau: Die Sendung war ursprünglich mal als eine Art Vorlesung konzipiert, auch Sie wollen ein bisschen Hörsaal-Atmosphäre schaffen. Welche Art von Studenten waren Sie selbst?
Ebert: Total diszipliniert! Ich habe zwar sehr viel Volleyball gespielt nebenbei, aber am nächsten Morgen war ich natürlich immer um acht in der Quantenmechanik-Vorlesung.
teleschau: Wirklich? Ein Streber?
Ebert: Ja, das muss ich ehrlich sagen. Musste ich aber auch sein. In Würzburg war das Physikstudium ziemlich hart. Wenn man nicht jede Woche die Arbeitsblätter mit den richtigen Lösungen abgab, wurde man nicht zur Prüfung zugelassen. Ich weiß nicht, wie das bei Eckart war...
von Hirschhausen: Mich hat bereits während des Studiums fasziniert, dass man in der Medizin oft Krankheiten behandelt, die man zehn Jahre vorher bereits hätte verhindern können. Mich interessiert nicht, wie Menschen krank werden, sondern wie sie gesund bleiben. Da weiß man heute: Lebenslanges Lernen, Neugier ist die beste Medizin fürs Gehirn. Für den Körper ist es Lachen.
teleschau: Später entschieden Sie sich beide fürs Kabarett anstatt den erlernten Beruf. Eine der Bildungsweg-Sendungen hat den Untertitel "Geld oder Leben" - das hat auch viel mit Ihnen selbst zu tun, oder?
Ebert: Sicher suchten wir nach Themen, die wir beide spannend finden, von denen sich aber auch viele Leute angesprochen fühlen. Geld berührt alle. In meinem aktuellen Abendprogramm "Freiheit ist alles" verbrenne ich als Finalnummer einen 50-Euro-Schein und erkläre dann, warum ich das tue. Es ist ein sehr emotionaler Moment, wenn Menschen sehen, wie dieser Geldschein abgefackelt wird.
teleschau: Als ehemaliger Unternehmensberater haben Sie ja noch einen anderen Zugang zum Thema Geld ... War das für Sie auch eine Art Befreiungsschlag, diesen Job zu kündigen?
Ebert: Ich sagte früher immer scherzhaft: Als Physiker versteht man von Beratung genauso wenig wie ein BWLer auch, dafür aber in der Hälfte der Zeit. Das war in der Tat eine sehr interessante Erfahrung. Ich übte das drei Jahre lang aus, litt aber gleichzeitig unheimlich. Als Jungspund mit Ende 20 hinzugehen und 50-jährigen Unternehmern zu erklären, wie sie ihren Laden zu führen haben, das fand ich schon sehr grotesk. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl. Aber - und das ist der Vorteil - ich habe drei Jahre in der freien Wirtschaft gearbeitet. Ich merke, dass es mir jetzt auch guttut, das zu kennen.
von Hirschhausen: Als ich vor über 15 Jahren mit Kabarett anfing, fragten mich die Kollegen: Kann man denn davon leben? Nun sind sie alle niedergelassen, und ich stelle ihnen die gleiche Frage.
Ebert: Wir beide haben die Möglichkeit, das zu tun, was uns am meisten Spaß macht, und bekommen auch noch Geld dafür. Ich glaube - und kann da sicherlich auch für Eckart sprechen - wenn er jetzt seit 15 Jahren im Krankenhaus Arzt - oder inzwischen vielleicht Chefarzt - wäre und ich in der Unternehmensberatung Partner, dann wären wir andere Menschen. Ich selbst wäre mit Sicherheit ein unglücklicherer Mensch. Ich sehe unsere Arbeit als großes Privileg an und ich glaube, das ist das Beste, was man über sein Leben sagen kann.
Petra Esselmann








