Neulich war da in der "Sendung mit der Maus" eine imposante Modelleisenbahn-Anlage zu sehen. Armin Maiwald staubte sie am Ende einer Sachgeschichte über Pinsel liebevoll ab. Es ist nämlich seine eigene. Irgendwie hatte er schon immer was übrig für Züge. "Vielleicht, weil ich mein ganzes Leben lang immer irgendwie neben einer Eisenbahnlinie gewohnt habe." - Jetzt konnte er diese Leidenschaft noch gründlicher ausleben: Für die mittlerweile fünfte "Deutschlandreise mit der Maus" wählten Maiwald und sein Team nach Auto, Boot, Fuß und Fahrrad das Verkehrsmittel Bummelzug. So konnten sie einen ganz eigenen Blick auf Deutschland werfen. "Es gibt eben Dinge, die sieht man von der Straße aus nicht. Die sieht man nur aus der Bahn."
Armin Maiwald und Deutschland, das ist eine besondere Beziehung. Seine ruhige, tiefe Stimme ist im ganzen Land bekannt. Bei Groß und Klein. Vor über 40 Jahren hat er das Kultformat "Die Sendung mit der Maus" (Sonntags, 11.30 Uhr, ARD) mitentwickelt und damit ein Stück deutsche TV-Geschichte geschrieben. Mit seinen inzwischen um die 1.000 Erklärfilmen machte der Journalist seine Zuschauer jedesmal ein Stückchen schlauer und tut es bis heute: über die Schlacht im Teutoburger Wald, über Solarenergie, einfach darüber, wie die Borsten an den Pinsel kommen - aber auch über den Tod. Für diese Leistung wurde er unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.
Seit 2007 tourt Armin Maiwald jeden Sommer durch die Bundesrepublik. Diesmal verlief die Route von der Nordsee bis zu den Alpen. Fünf Wochen lang, ohne Pause. "Dafür wählten wir die langsamstmöglichen Züge, damit wir an der sprichwörtlichen Milchkanne aussteigen konnten", erklärt Maiwald gewohnt unaufgeregt. "Wenn wir vom Zug aus etwas Interessantes sahen, stiegen wir an der nächsten Station aus und gingen dahin." Ab Sonntag, 29.7., wegen der Olympischen Sommerspiele ausnahmsweise schon um 8.30 Uhr, gibt es in der "Sendung mit der Maus" sechs Episoden "Deutschlandreise mit der Maus" zu sehen: Armin Maiwald erkundet zum Beispiel den größten Rangierbahnhof Europas, entdeckt den allerersten Kindergarten Deutschlands, zeigt, wie früher in Lüneburg Salz gemacht wurde und tanzt Samba in Franken!
Aber wenn Armin Maiwald durch Deutschland reist, dann ist das für ihn doch anders als für die meisten "Maus"-Zuschauer. 1940 geboren, hat er die dunkelsten Stunden des Landes als Kind hautnah miterlebt, "weiß Gott". Er verlor seinen Vater im Zweiten Weltkrieg. Dreimal wurde die Familie in Köln ausgebombt. Sie floh von dort nach Schlesien, später aus dem brennenden Dresden nach Bayern. "Bevor ich wieder nach Köln kam, war ich wahrscheinlich öfter umgezogen als die meisten Leute in ihrem ganzen Leben."
Erst als 13-Jähriger konnte er mit Mutter und Schwester zurückkehren. In der vielfach ausgezeichneten "Nachkriegs-Maus" beschrieb der Filmemacher seinem jungen Publikum eine Nachkriegskindheit. "Da hatte ich das Gefühl, ich kriege den Schrecken der Zeit eigentlich gar nicht richtig transportiert." Dazu wurde er mit schmerzhaften Erinnerungen konfrontiert. "Wenn sie nach vielen, vielen Jahren wieder an der Tür stehen, wo ihre Mutter beinahe erschossen worden wäre, kommt das Ganze natürlich schon wieder hoch." Während der letzten Deutschandreise gab es ähnliche Momente: "Wenn ich am Grenzbahnhof in Probstzella stehe und die Überreste der Grenze zwischen der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik sehe, kommen viele Dinge wieder hoch, die ich im Sumpf des Vergessens geparkt hatte." Andererseits birgt das bewusste Bereisen jenes Landes, das er in Trümmern erlebt hat, heute auch die Möglichkeit, einen gewissen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen: "Ja klar. Es hat sich ja wahnsinnig viel entwickelt, gerade in den neuen Bundesländern. Das hätte man vor 20 Jahren gar nicht für möglich gehalten."
Der beste Platz zum Leben in Deutschland ist und bleibt für Armin Maiwald Köln. Hier hat er eine Familie und eine Produktionsfirma gegründet. "Die Stadt hat eine Lebensart, die man sonst nicht so leicht findet", ist der Rheinländer überzeugt. "Es gibt architektonisch schönere, das ist ganz klar. Aber in Köln sind die Leute einfach anders drauf. Es herrscht eine gewisse Leichtigkeit hier, man kommt im Prinzip mit jedermann leicht ins Gespräch." Urlaub von Deutschland und seinem Job macht das Arbeitstier eher selten. "Und wenn, dann scheucht mich meine Frau. Einmal im Jahr gehe ich zum Skilaufen in eine schneesichere Ecke in der Schweiz und einmal in die Sonne an die See, entweder in die Türkei oder nach Ägypten."
Und wie würde der Erklärmeister, der seine Kommentare übrigens bis heute am Mikrofon improvisiert, spontan die deutsche Heimat beschreiben? "Es ist ein sehr vielfältiges Land mit ganz unterschiedlichen Landschaften, wie man es, glaube ich, sonst kaum in Europa findet. Es gibt bei uns ansatzweise Wüste, ansatzweise Dschungel. Es gibt Großstädte und kleine Städte. Es gibt Bäche, es gibt Schnee, Sommer, Frühling, Herbst und Winter." Er fügt noch etwas hinzu, was vielleicht auch ein Geheimnis seines Erfolges ist: "Es gibt eigentlich an jedem Ort etwas Interessantes. Man muss nur richtig graben."
Wegen der Olympischen Spiele müssen die Maus-Fans in den kommenden Wochen zweimal etwas früher aufstehen: Die erste Etappe der "Deutschlandreise mit der Maus 2012" ist in der "Sendung mit der Maus" am Sonntag, 29.7., bereits um 8.30 Uhr im Ersten zu sehen. Am 12.8. geht's sogar schon um 7.30 Uhr los. Ansonsten bleibt es bei der gewohnten Zeit: sonntags, 11.30 Uhr, im Ersten.
Petra Esselmann






