Zwei TV-Formate, die auf den ersten Blick gar nicht gegensätzlicher sein könnten: In "Kesslers Expedition" (ab 17. August, freitags, 20.15 Uhr) reist Michael Kessler durchs Land und nimmt sich viel Zeit für spontane Begegnungen - diesmal ist der 45-Jährige für die RBB-Sendung mit einem alten Klapprad unterwegs und lässt sich "einfach mal treiben", wie er sagt. In der ProSieben-Kultcomedy "Switch reloaded" (ab 27. August, montags, 22.15 Uhr) hingegen, kommt es auf Tempo und exakten Drehbuchschliff an, wenn es darum geht, wieder einmal prominente Fernsehprotagonisten wie Günther Jauch oder Ranga Yogeshwar zu parodieren oder als schräger Verschnitt aus "Stromberg" und Adolf Hitler "Goodbye Großdeutschland" zu sagen. Wie geht das nur unter einen Hut? Die Antwort hat mit Michael Kesslers Leidenschaft für den Beruf zu tun und noch mehr mit seinem aufrichtigen Interesse an den Mitmenschen, ob nun prominent oder nicht.
teleschau: Herr Kessler, muss man die Menschen lieben, um sie gut parodieren zu können?
Michael Kessler: Ja, ich denke schon. Ich war schon immer ein neugieriger Mensch und großer Beobachter. Ich kommuniziere auch ganz gerne - und da schließe ich das Zuhören ausdrücklich mit ein.
teleschau: Warum betonen Sie das so?
Kessler: Weil das vielen Leuten heute abgeht. Die reden alle unheimlich viel, aber sie hören nicht mehr zu. Ich schon. Das kommt mir nicht nur bei "Switch reloaded" zugute.
teleschau: Sie sind bekannt dafür, die gängigen Social-Media-Kanäle besonders ausgiebig zu nutzen, gehören zu den prominentesten Twitterern im Lande ...
Kessler: Aber inzwischen bin ich bei Facebook deutlich aktiver. Ich glaube, Twitter schläft gerade wieder ein.
teleschau: Was treibt Sie ins Web 2.0?
Kessler: Das ist die Zukunft, und da wollte ich als neugieriger Mensch von Anfang an dabei sein. Es steht für mich außer Frage, dass Fernsehen und Internet immer weiter verschmelzen werden, also gucke ich, was da passiert. Spannend - auch, weil man so direkte Rückmeldungen bekommt. Aber keine Sorge, die persönliche Begegnung ziehe ich immer noch vor.
teleschau: Für die RBB-Dokureihe "Kesslers Expedition" legen Sie derzeit 630 Kilometer in zwei Wochen zurück - auf dem Klapprad geht's von Kopenhagen nach Berlin. Sind Sie schon fix und fertig?
Kessler: (lacht) Naja, es geht noch. Ich bin schon mein Leben lang ein passionierter Radfahrer und relativ gut trainiert. Natürlich habe ich mich auch vorbereitet - bisschen Seilhüpfen und so.
teleschau: Musste es denn unbedingt ein Klapprad sein?
Kessler: Etwas Besonderes sollte schon her - das gehört zum Konzept der Sendung. Diesmal also: altes, rostiges Rad, kleines Team und viel, viel Zeit für spontante Begegnungen. Wie das Ganze ausgeht, ist ab 17. August im RBB zu sehen (immer freitags, 20.15 Uhr, die Red.).
teleschau: Wie spontan und echt ist Ihr kleines Roadmovie denn wirklich?
Kessler: Die Strecke ist natürlich vorher abgesteckt, aber das war's auch schon. Da gibt es kein Drehbuch, alles, was man sieht, ist hundertprozentig ehrlich. Mein Auftrag lautet, mit den Leuten unterwegs ins Gespräch zu kommen - da ist also auch niemand vorher gecastet worden.
teleschau: Sie machen das Format schon seit ein paar Jahren. Fällt Ihnen bei diesen Expeditionen auch auf, dass die Deutschen immer abgebrühter werden im Angesicht einer Fernsehkamera?
Kessler: Da ist was dran. Vor allem die jungen Menschen sind heutzutage wirklich sehr kameraaffin. Vielleicht liegt das auch an der ganzen Kommunikationstechnik - die filmen sich jeden Tag gegenseitig mit den Handys ab, das Normalste auf der Welt. In unserem Format suchen wir aber nicht unbedingt nach kameraaffinen Menschen, sondern nach spannenden Geschichten. Aber es ist schon interessant, dass auch der Landwirt im Dorf in Brandenburg heute kein großes Aufhebens mehr macht, wenn wir mit der Kamera vorbeikommen. Dort kennt man mich und meine Sendung inzwischen aber auch gut.
teleschau: Wie reagieren die Leute auf Sie?
Kessler: Sie sind in der Regel begeistert und sehr aufgeschlossen. Aber klar: Nicht zuletzt machen wir auch ein bisschen Werbung für ihre Heimat.
teleschau: Sie selbst leben in Köln. Ist Ihnen das Image Ostdeutschlands wirklich ein Anliegen?
Kessler: Natürlich ist mir das wichtig. Die Darstellung der neuen Bundesländer in den Medien ist in den letzten Jahren nicht besser geworden. Da muss man etwas dagegensetzen.
teleschau: Was genau stört Sie?
Kessler: Dass meistens das Bild von Arbeitslosen, von Hartz-IV-Empfängern und frustrierten Rechtsradikalen gezeichnet wird. Sicher begegnet uns auch das hin und wieder - aber die Realität ist größtenteils völlig anders als das Klischee, das die Medien leider allzu gerne pflegen. Ich treffe hier auf ehrliche Menschen und eine schöne, weite Landschaft. Zu Hause, im Privaten, mache ich dafür sehr wohl Werbung und sage den Leuten immer wieder: Mensch, fahrt da doch mal hin! Ich habe ein echtes Sendungsbewusstsein. Aber natürlich reizt mich auch das Abenteuer an der Sache, und mir gefällt, dass dieses Format so anders ist als vieles, was man heute sonst so sieht. Es ist ruhiger geschnitten, ich lasse mich eigentlich nur treiben, da ist nichts Hektisches - viele Leute suchen so etwas wieder, wir merken das an den positiven Rückmeldungen.
teleschau: Sie betonen immer wieder, dass Sie auch an "Switch reloaded" mit einem gewissen Sendungsbewusstsein herangehen.
Kessler: Ja, mir ist nach wie vor wichtig, dass wir auf den Aspekt der Medienkritik Wert legen. Dafür kämpfe ich intern auch mal, wenn es sein muss. Natürlich wollen wir Unterhaltung machen, natürlich haben wir alle, auch die Autoren, unterschiedliche Humorfarben und Ansichten - aber wir dürfen nicht zu bequem werden und müssen uns immer wieder Leute vorknöpfen, die es verdient haben, durch den Kakao gezogen zu werden. Ohne diesen Hintergedanken, ohne die Perspektive des professionellen Beobachters, schaue ich eigentlich kaum noch deutsches Fernsehen ...
teleschau: Gibt es noch Sendungen, die Sie sich unbefangen anschauen?
Kessler: Ja, ich bin großer Fan amerikanischer und britischer Sitcoms wie "Extras" oder "Modern Family" - brillant. Und in Deutschland gibt es mehr gute, ernsthafte Fernsehfilme oder auch Dokus als oft behauptet. Im Comedy-Bereich fällt mir außer "Pastewka" oder "Danni Lowinski" aber nicht so viel ein. Das meiste ist mir immer noch viel zu verkrampft.
teleschau: Werden wir Deutschen den berühmten Stock im Hintern je wieder los?
Kessler: Schwierige Frage ... Es herrscht hier einfach so viel Angst: Angst vor Neuem. Alles muss immer klassisch ablaufen - die TV-Show, der "Tatort", die "Landarzt"-Serie: alles so, wie man das eben macht. Es gibt keine Überraschungen, das ist das Problem. Am schlimmsten wird es immer dann, wenn wir gucken, was die Engländer oder die Amerikaner machen und dann anfangen, das einfach rüberzukopieren. Das geht gar nicht.
teleschau: Also dann: Fordern Sie mal was!
Kessler: Ich wünsche mir viel mehr Mut und Fantasie, denn die Sehnsucht nach guter Unterhaltung, nach spannenden Geschichten, ist ja da. Nur ist vor allem für jüngere Menschen heute viel mehr im Angebot als nur der klassische Flimmerkasten. Die Zeiten, in denen die Leute jeden Abend einfach so vorm Fernseher hockenbleiben, ganz egal, was du ihnen vorsetzt, sind allmählich vorbei, denke ich. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, müssen auch mal Grenzen überschreiten, um den Trend wieder umzukehren.
teleschau: "Switch" und "Switch reloaded" sind seit 1997 dafür bekannt, Grenzen zu überschreiten - Sie als "Hitler"-Persiflage ganz vorne mit dabei! Schockt so etwas noch?
Kessler: Das Thema Hitler gab's bei "Switch" ja schon in den 90-ern, als wir Guido Knopp in "Hitlers Helfer" persiflierten. Damals setzte es vom Publikum noch ziemliche Anti-Reaktionen, die gibt es nun bei unserer "Obersalzberg"-Nummer in "Switch reloaded" nicht mehr in dem Maße. Also ein bisschen gelassener sind sie also wohl schon geworden, die Deutschen. Den "Stromberg" mit Hitler zu verknüpfen - das war aber auch wirklich eine Sternstunde der Autoren um Stefan Stuckmann. Wow!
teleschau: In der neuen Staffel setzen Sie noch eines drauf: Die Hitler-Entourage sagt: "Goodbye Großdeutschland"!
Kessler: Ja, wir haben das Format großartig weiterentwickelt. Unsere Nazis, Hitler, Ernie und Ulf, braten jetzt Schnitzel in einem Restaurant in Argentinien. Sie werden sich wundern!
teleschau: Ehrlich, wie fühlt sich das an, wenn Sie als Hitler in voller Montur in den Spiegel schauen?
Kessler: Ach, das ist nicht dramatisch, nur eine Rolle. Komisch wird es aber, wenn mir auf der Straße junge Leute hinterherrufen: "Mensch, mach doch mal den Hitler!" Alles schon passiert. "Obersalzberg" ist eben granatenmäßig eingeschlagen, um es in der passenden Terminologie zu sagen.
teleschau: Hitler, Florian Silbereisen, Günther Jauch, Peter Kloeppel, Horst Lichter ... - Im Gespräch mit Ihnen muss man eine eigentlich völlig unmögliche Namensliste aufmachen. Welche der Rollen aus "Switch reloaded" gefällt Ihnen am besten?
Kessler: Ich sage immer, dass ich alle gleich gerne spiele. Aber am meisten Spaß habe ich an denen, die so richtig gut funktionieren. Nicht jede Parodie ist ein Knaller - ich habe mich mal an Guido Cantz probiert, und es war furchtbar, eine einzige Katastrophe. Auch als Max Giermann und ich Harald Schmidt und Oliver Pocher parodierten, war's schlimm. Es hat nicht gefunkt, so ist das manchmal. Und dann muss man es sein lassen.
teleschau: Interessant ist, dass sich im Grunde alle der in "Switch reloaded" persiflierten Promis mit der jeweiligen Parodie ganz wohlzufühlen scheinen.
Kessler: Oh ja, mein Lieblingsthema! Mir fühlen die sich inzwischen alle viel zu wohl. Dieses öffentliche Schulterklopfen ist mir manchmal ein bisschen unheimlich.
teleschau: Sie wünschen sich mehr Ärger?
Kessler: Natürlich. Wir wollen mit denen nicht kuscheln. In den 90-ern waren Unterlassungsklagen keine Seltenheit, aktuell weiß ich eigentlich nur von "Super Nanny" Katharina Saalfrank, dass sie unsere Parodien furchtbar findet. Die Promis haben das heute einfach drauf mit der Öffentlichkeitsarbeit: Sie wollen das Spiel mitspielen und nicht als böser Unsympath und Spaßbremse dastehen. Also machen möglicherweise einige von ihnen gute Miene zum bösen Spiel - ist ja inzwischen irgendwie cool, bei "Switch reloaded" dabei zu sein, weil immer so viele junge Leute zugucken. Es gibt schon Promis, die schreiben uns an, bewerben sich, weil sie auch mal parodiert werden wollen. Das sind mit Abstand die Schlimmsten - aber ich nenne jetzt keine Namen!
teleschau: Welche Menschen sind grundsätzlich schwieriger zu parodieren?
Kessler: Ganz klar: Jene, die auf den ersten Blick weniger Ecken und Kanten haben und die man deshalb gemeinhin sympathischer findet. Einen Günther Jauch so richtig scharf und böse zu zeichnen, fällt mir ungleich schwerer als die Silbereisen-Nummer. Der Flori muss eindeutig mehr verkraften, aber er macht auch das schlechtere Fernsehen.
teleschau: Er hat Sie immerhin schon mal in eine seine Volksmusiksendung eingeladen.
Kessler: Ich wäre auch fast hingegangen. Aber als der MDR in meinem Text rumfummeln wollte und man meinte, dass Florian und ich noch ein gemeinsames Versöhnungsliedchen trällern sollten, zog ich sofort zurück. Das ist nicht "Switch reloaded". Das geht nicht. Das darf ich gar nicht. In der neuen Staffel pausiert Silbereisen bei uns sowieso erst mal. Dafür bin ich jetzt als Gandalf aus "Der Herr der Ringe" zu sehen - und als Bülent Ceylan. Diesmal sind auch mal Comedians fällig, die seit Jahren in Endlosschleife laufen, die haben es echt verdient, finden wir!
teleschau: Comedians, die Comedians parodieren? Verletzt man da nicht ganz schnell Eitelkeiten?
Kessler: Ich bitte Sie. Genau das wünschen wir uns doch!
Frank Rauscher









