Kino / Portraits

Eine Leisetreterin vor dem Herrn

Veronica Ferres spielt in "Lena Fauch - Gefährliches Schweigen" (Mo., 21.10., 20.15 Uhr, ZDF)

Nein, sie spielt diesmal keine kämpfende Mutter und auch mit Event-Fernsehen hat die neue Rolle der Veronica Ferres wenig zu tun. Der beachtliche Krimi "Lena Fauch - Gefährliches Schweigen" zeigt den 48-jährigen Star in einer ihrer bisher leisesten Rollen. Als Pastorin und Polizeiseelsorgerin Lena Fauch - die sie vor einem Jahr schon einmal spielte - schleicht das mit Kurzhaarfrisur agierende ehemalige Vollweib wie ein blasses Medium der Nächstenliebe durch eine Welt voller Gewalt und Verzweiflung ("Lena Fauch - Gefährliches Schweigen", Mo., 21.10., 20.15 Uhr, ZDF). Doch gerade diese Zurückgenommenheit irritert und berührt innerhalb der deutschen TV-Welt knallig überagierender Kommissare. Im Interview spricht Veronica Ferres über Religion im Krimi und ihren eigenen Frieden mit dem Glauben.

teleschau: Lena Fauch vereint als Seelsorgerin im Polizeidienst zwei Welten - kriminalistische Ermittlung und religiöse Fragen. Was hat Sie an dieser Figur interessiert?

Veronica Ferres: Die Mischung dieser beiden, scheinbar so unterschiedlichen Welten. Das klassische "Wer hat's getan" interessierte mich nie so besonders. Da gibt es schon genug Frauen und Männer, die in diesem Metier ermitteln und für Gerechtigkeit in Deutschland sorgen (lacht).

teleschau: Worin unterscheidet sich Lena Fauchs Arbeit von der einer Kommissarin?

Ferres: Die Schweigepflicht ist ein wichtiger Punkt. Und der Gewissenskonflikt, der daraus entstehen kann. Sie kann eben nicht zu einem Kollegen gehen und sagen: Ich weiß, wer der Täter war. Das Hauptaugenmerk der Seelsorgerin und damit dieser Rolle liegt auf dem Schutz derer, die sich ihr anvertrauen. Man weiß oft mehr, als einem lieb ist. Und man ist zum Aushalten dieses Zustands verpflichtet. Dazu kommt, dass man nicht wertet, zurückhaltend ist und der Job vor allem aus genauem Zuhören besteht. Ich finde, das ist eine sehr interessante psychologische Konstellation.

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teleschau: Wie haben Sie sich auf dieses ungewöhnliche Berufsbild vorbereitet?

Ferres: Ich habe in Hannover einen engen Freund, einen evangelischen Pastor, den ich für einen hervorragenden Seelsorger halte. Er hat mir in der Vorbereitung zum ersten und zweiten Lena Fauch-Film sehr geholfen. Das war natürlich ein Glücksfall. Ich habe ihn auch in die Drehbuchentwicklung mit einbezogen. Eine wichtige und tolle Botschaft, die ich aus den Gesprächen mit ihm mitgenommen habe, ist, dass Gott verzeiht. Und dass jeder dadurch gewinnt, sich Fehler einzugestehen.

teleschau: Haben Sie auch mit Polizeiseelsorgern gesprochen?

Ferres: Wir arbeiten in München mit einer Polizeiseelsorgerin zusammen, die auch manchmal zum Drehort kommt. Die Aufgaben dieser Frau sind sehr vielfältig. Sie begleitet Polizisten, die zu den Familien gehen und Todesnachrichten überbringen. Sie hat aber auch ihre festen Sprechzeiten für Polizisten, die Hilfe brauchen. Beamte, die zum Beispiel bei einer Schießerei dabei waren und mit ansahen, wie ein Mensch gestorben ist. Es gibt immer wieder Polizisten, die sich ein Trauma in ihrem Job holen. Die gehen dann einmal pro Woche zu dieser Seelsorgerin. So lange, bis es besser ist.

teleschau: Es gibt eine sehr starke Szene in diesem Film, die zeigt, wie den Eltern eines jungen Mannes die Nachricht von dessen Tod überbracht wird. Hat Ihnen die Seelsorgerin erzählt, worauf es in solchen Momenten ankommt?

Ferres: Ich glaube, es geht in diesem Moment erst einmal darum, die Angehörigen hier in der Wirklichkeit zu behalten. Es geht darum, einfache Dinge zu tun, wie ein Glas Wasser zu reichen oder den Leuten einfach Zeit zu geben. Der eigentliche Schock kommt meist erst später. Dann vor allem muss sie für die Leute da sein.

teleschau: Wie bereiten Sie sich auf eine solche Szene vor?

Ferres: Ich versuche einfach, wahrhaftig in der Situation zu sein. Nichts künstlich herzustellen, sondern den Leuten einfach zuzuhören und hundertprozentig da zu sein. Weil das nicht besonders spektakulär aussieht, wirkt der Charakter Lena Fauch auch so zurückhaltend und leise. Aber genau so soll es sein.

teleschau: Welche Fähigkeiten braucht man für den Job der Polizeiseelsorgerin?

Ferres: Eine gute psychologische Ausbildung. Ein tiefes Verständnis für alles Menschliche, auch alles menschliche Versagen. Und die Fähigkeit, nicht zu werten.

teleschau: Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Psychotherapeuten im Polizeidienst und den Seelsorgern - also Pfarrer und Pastoren?

Ferres: Dass bei Seelsorgern die religiöse Ebene dazukommt, empfinde ich schon als Unterschied. Der Glaube gibt Hoffnung und eröffnet eine andere Dimension des Lebens. Mich interessiert diese Dimension sehr, gerade in unserer heutigen Zeit. Je schnelllebiger alles wird, desto wichtiger wird für mich die religiöse Ebene. Ich finde Gott heute weitaus spannender, jünger und moderner als noch vor zehn oder 15 Jahren.

teleschau: Glauben Sie, dass man als Erwachsener mittleren Alters leichter zu Gott findet, als in jungen Jahren?

Ferres: Ich finde, dass der Glaube auch für junge Menschen eine tolle Perspektive ist. Die Botschaft des neuen Testamentes ist - vor allem anderen - die Liebe. Auch die Schönheit des Lebens und der Schöpfung wird betont. Das sind wunderbare Botschaften und sie sind alles andere als altbacken. Wenn wir es schaffen würden, der jungen Generation auch nur ein bisschen was davon zu vermitteln, wäre sehr viel weniger Rat- und Haltlosigkeit in der Welt.

teleschau: Entstammen Sie selbst einem religiösen Elternhaus?

Ferres: Ja, allerdings katholisch. Nicht protestantisch, wie meine Rolle im Film. Ich habe diese religiöse Dimension meines Aufwachsens jahrelang wegschieben müssen, weil ich das schrecklich uncool fand. Heute ist das wieder anders. Ich war neulich erst bei meinem Vater in Solingen und besuchte mit ihm die Kirchengemeinde, zu der ich früher an jedem Sonntag hinmusste. Das hat mich alles sehr positiv überrascht. Ich fand es dort sehr modern und jung. Die Kirche war voll, auch wenn dreiviertel der Menschen älter waren. Alle haben voller Inbrunst mitgesungen, da rockte wirklich das Leben. Der Pfarrer stand vorne, war voller Begeisterung für das Leben und hat das auch rübergebracht. Ich fand die Predigt gut, man konnte etwas mitnehmen. Nach der Messe sitzen alle zusammen im Gemeindehaus, man trinkt einen Wein oder Kaffee und isst Kuchen. Man kümmert sich umeinander. Wer fehlt, wird angerufen, um zu schauen, ob auch alles in Ordnung ist. Es war eine lebendige Gemeinschaft voller Fürsorge und Miteinander. Ich war ziemlich beeindruckt und, ja, beglückt.

teleschau: Würden Sie sich selbst als gläubigen Menschen bezeichnen?

Ferres: Ja, absolut.

teleschau: Und was ist das für Sie - ein gläubiger Mensch?

Ferres: Einer, der zu Gott spricht. Der betet. Ich lese auch ab und zu in der Bibel und weiß, worin die Botschaft des Glaubens besteht.

teleschau: Mit der Religiosität der Hauptfigur Lena Fauch wird in den Filmen ja sehr vorsichtig umgegangen. Will man dem Primetime-Publikum vielleicht nicht mehr Religion zumuten?

Ferres: In diesem zweiten Film war es Autor und Regisseur Johannes Fabrick sehr wichtig, dass Lena Fauch keine Predigerin ist, sondern dass sie durch die leise Selbstverständlichkeit ihres Handelns wirkt. Wir - das heißt die Produzentin Kirsten Hager, die auch die Idee zu Lena Fauch hatte, und ich - entwickeln die Figur von Film zu Film weiter. Es ist durchaus denkbar, dass man Lena Fauch auch mal bei einer Predigt erleben wird oder dass explizit religiöse Themen eine größere Rolle spielen als in diesem Film.

teleschau: Sie haben für diese Rolle Ihren Typ verändert und tragen die Haare kurz. Eine Perücke?

Ferres: Ja (lacht)

teleschau: Das steht Ihnen gut. Haben Sie die Haare schon mal kurz getragen?

Ferres: Das ist lange her. Mit zwölf oder 13 Jahren habe ich sie mal radikal abgeschnitten. Danach waren sie eigentlich immer lang.

teleschau: Wäre so eine schöne Lena Fauch-Kurzhaarfrisur nicht auch mal eine private Option für Sie?

Ferres: Sofort - wenn dadurch nicht Folgeprojekte beeinflusst wären. Bei vielen Filmen erwartet man einfach von einer Schauspielerin lange Haare. Nehmen Sie zum Beispiel sämtliche historischen Stoffe. Man kann einfach mehr machen mit langen Haaren, deshalb sind sie für diesen Beruf unter dem Strich praktischer.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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