Kino

Töte michDunkle Verpflichtungen

Emily Atef mag es kompliziert, ihr besonderes Augenmerk gilt der weiblichen Psyche. In ihrem letzten Film "Das Fremde in mir" (2008) erzählte sie die Geschichte einer Mutter in der postnatalen Depression. In ihrem aktuellen Kinodrama ist Atefs Anti-Heldin ein lebensmüdes Mädchen. Allein, ihm fehlt der Mut zum Sterben. Erst die Begegnung mit einem flüchtigen Mörder verspricht Erlösung. "Töte mich" ist ein radikaler Film geworden; eine düstere Versuchsanordnung zwischen Todeswunsch und Lebenssehnsucht.

Adele (Maria-Victoria Dragus) ist 15 und hat schon genug vom Leben. Seit dem Unfalltod ihres Bruders ist nichts mehr, wie es war. Am schlimmsten ist die Lieb- und Sprachlosigkeit der Eltern. Man weiß nicht, was Adele romantisierend vom Tod erwartet. Jedenfalls will sie sich einen Abgrund hinunterstürzen. So will sie sterben, und nicht anders. Und doch schafft sie es nicht zu springen.

Eines Tages verschanzt sich ein flüchtiger Häftling auf dem Bauernhof ihrer Familie. Adele soll ihm helfen zu fliehen - er bedroht sie, weiß ja nicht, dass das Mädchen nichts zu verlieren hat, erst recht nicht das Leben. Also machen sie einen Deal: Adele wird Timo (Roeland Wiesnekker), dem Mörder, bei seiner Flucht helfen - er soll ihr im Gegenzug den tödlichen Stoß geben. Doch der richtige Zeitpunkt will nicht kommen. Als Timo sie spontan auf andere Weise töten will, es endlich soweit ist, reagiert Adele panisch. Dass dieses Mädchen gar nicht sterben, sondern endlich richtig leben will, das ahnte man ja schon vorher.

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Und so beginnt eine lange (und langatmige) Flucht von Deutschland nach Frankreich, über die Berge nach Marseille. Dort lebt Timos Halbbruder Julius (Wolfram Koch), der ihm Geld geben soll für die Reise nach Afrika, wo der vom Leben betrogene Timo noch einmal von vorne anfangen will. Wie wilde Tiere irren Adele und Timo über weite Strecken des Films durch die Wälder: Zwei ungleiche Außenseiter auf der Flucht, vor allem vor der Vergangenheit. Es wird nicht viel geredet in diesem reduzierten Film, die Annäherung der beiden äußert sich in stillen Gesten. Nach einem unrealistischen Showdown mit der Polizei und einer brutalen Begegnung mit seinem Halbbruder kann für beide ein neues Leben beginnen ...

Regisseurin Emily Atef, die ihr Handwerk an der Berliner Filmakademie gelernt hat, inszeniert ihren dritten Film als ambitioniertes Psychogramm, das allerdings an seiner Künstlichkeit krankt. Die Ausgangssituation, die Figuren, die Dialoge: Alles scheint hier vielmehr eine filmische Versuchsanordnung zu sein, eine blutleere Psycho-Studie, als ein bewegendes Drama, das Betroffenheit auslösen könnte. Da hilft auch das bemühte Spiel ihrer Hauptdarsteller nicht.

Schon in "Das Fremde in mir" schienen Atefs Filmfiguren ein bisschen wie am Reißbrett entworfen. Dass ihre Hauptdarstellerin Susanne Wolff in der Rolle der depressiven Rabenmutter damals mit dem Förderpreis Deutscher Film ausgezeichnet wurde, spricht für deren Schauspielkunst. Aber gelungenes Kino muss mehr sein als eine präzise, gut gespielte Psychostudie. Gutes Kino geht zwangsläufig unter die Haut, weil es nah am Leben ist. Anders als "Töte mich".

Heidi Reutter

Kinofilm
Filmbewertungenttäuschend
FilmnameTöte mich
Starttermin05.07.2012
RegisseurEmily Atef
GenreDrama
SchauspielerMaria-Victoria Dragus
SchauspielerRoeland Wiesnekker
SchauspielerWolfram Koch
Entstehungszeitraum2011
LandD / CH / F
Freigabealter12
VerleihFarbfilm
Laufzeit92 Min.
Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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