Musik / Backstage

Wo die wilden Kerle wohnen

Of Monsters And Men veröffentlichen ihr Debüt "My Head Is An Animal"

Irgendwer hat einen Clown gefrühstückt. Rund eine Stunde, nachdem Of Monsters And Men im Whiskey Room des Michelberger Hotel in Berlin ein exklusives morgendliches Minikonzert spielten, trotten sie ins Konferenzzimmer im sechsten Stock ihres neuen Majorlabels auf der anderen Seite der Spree. Es ist kurz nach Mittag und Anfang März, die nächsten zwei Tage soll die Band, die vom amerikanischen "Rolling Stone", Dutzenden Musikblogs und der eigenen Plattenfirma bereits vollmundig als "die neuen Arcade Fire" bezeichnet wurde, über sich und ihr Debüt "My Head Is An Animal" sprechen. Und so sitzen sie da am Tisch, diese sechs jungen Menschen, die bisher im Tourbus und im Proberaum hockten, unter sich scherzten und die quirlig-kauzigen Indiekids waren, die sie sind - und flüchten sich in Quatsch statt überlegte Antworten. Fast so, als ob sie schon jetzt all die Fragen, die man einem Newcomer so stellen muss, nicht mehr hören könnten. Gut, man will den aufgekratzten Frühzwanzigern das nicht zu sehr verübeln. Ging ja alles ziemlich schnell.

Die Karriere von Of Monsters And Men begann vor rund zwei Jahren: Die damals 20-jährige Sängerin und Songschreiberin Nanna Bryndís Hilmarsdóttir suchte ein paar Musiker zwecks Liveverstärkung und fand zuerst den Kunststudenten, Sänger und Gitarristen Ragnar "Raggi" Thórhallsson. Der schleppte aus Garðabær, einem acht Kilometer entfernten Vorort von Reykjavík, Schlagzeuger Arnar Rósenkranz Hilmarsson, später noch Bassist Kristján Páll Kristjánsson und Pianist und Akkordeonspieler Árni Guðjónsson an. Gitarrist Brynjar Leifsson hingegen kannte Nanna von der Schule.

Gemeinsam schrieben sie ein paar neue Songs und gewannen damit prompt einen Bandwettbewerb. Der Durchbruch stand aber erst ins Haus, nachdem ein Amerikaner namens Bobby Malone die Band bei einem Soundcheck hörte, einem befreundeten Radio-DJ in Philadelphia davon vorschwärmte, bis der wiederum "Little Talks" spielte. Die von KEXP aus Seattle in Árnis Wohnzimmer gefilmte Akustik-Live-Version von "Little Talks" wurde bald ein Youtube-Hit. "Und so fing alles an", sagt Sänger Raggi, "mit Bobby Malone. Wir sollten einen Song über ihn schreiben!".

mehr Bilder

Ihr Debütalbum "My Head Is An Animal", das in den USA in seiner Veröffentlichungswoche auf Platz 6 der Billboard-Charts einstieg, sei so groß nie geplant gewesen, sagen Of Monsters And Men. Im Studio hatten sie nur ein paar Tage Zeit, ihre Songs wollten sie deshalb live einspielen und arrangieren. Doch danach passierten all die Overdubs, die nun selbst die kleinsten ihrer zwölf Lieder in ein voluminöses Kostüm kleiden. Auf "My Head Is An Animal" lauern hinter jeder Ecke "Hey!"-Chorrufe, Handclaps, Akkordeon, Harmonika, Pauken, Trompeten und wohltönende Gesangsharmonien. Sie spielen hymnischen Folk, der schon an Arcade Fire oder, etwas kleiner, Mumford & Sons erinnert. Nur deren Größe haben die Songs von Of Monsters And Men bei aller Herzlichkeit noch nicht.

Dafür aber allerlei bizarre Geschichten: Über einen Wal, der ein Haus auf seinem Rücken davonträgt ("From Finner") oder Vögel, die den Bienen den Krieg erklären ("Dirty Paws"). Und auch das düsterbunte Video zu "Little Talks" steckt voller Greifvögel und Monster. Bewältigung von kindlichen Albträumen? Von nicht verarbeiteten Märchen? "Nein, wir haben keine Angst vor Tieren, wir lieben sie", sagt Raggi, lacht auf und flüchtet sich in den Allgemeinplatz, dass die Videos eben aus den Geschichten entstehen, die sie sich beim Schreiben der Songs so ausdenken. Und Árni, einer der vier Scherzkekse aus der zweiten Reihe, weiß noch zu behaupten, dass Tiere doch auch böse sein könnten. Ihn habe zum Beispiel einst eine Kuh vermöbelt, und das nicht nur einmal. "Ich habe ihr Geld geschuldet", sagt er.

Noch fühlen Of Monsters And Men sich bei ihren Insider-Witzen sicher, in Island und im Tourbus zu Hause. Sänger Raggi, der als Bandältester am Tag des Interviews seinen 25. Geburtstag feiert, wohnt gar - als einziges Bandmitglied - noch bei seinen Eltern. Dass isländische Künstler wie etwa Björk und Sigur Rós gerade in Deutschland sehr beliebt sind, wissen sie, wie Retro Stefson herziehen wollen sie aber nicht. Und klar: Auch um den Vergleich mit Arcade Fire, vor dem der Promoter der Plattenfirma vor dem Interview noch gewarnt hatte, da die Band ihn nicht so gerne höre, wissen Of Monsters And Men. Ist schon eine tolle Band, findet Raggi und blickt wortkarg in die Runde. "Wir hassen sie nicht, wir wollen nur nicht mit ihnen verglichen werden", sagt er und es ist einer der seltenen Momente, in denen niemand am Tisch kichert, "wir wollen nur spielen".

Fabian Soethof

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


Versenden Drucken

Weitere Artikel


Soundcheck

Die Platzierungen der Woche aus unserer Sendung Charts für Sie zum Nachlesen.

CD-Archiv

CD-Archiv

Suchen Sie in der Radio Rur - CD-Datenbank nach Interpreten und/oder CD-Titeln.

Ticketshop

Sichern Sie sich im Radio Rur Ticketshop die Tickets Ihrer Wunschveranstaltung!

Anzeige
Zur Startseite