Gossip bedeutet noch immer Klatsch und Tratsch. Und dieser Bandname ist, wenn es um Gossip-Sängerin Beth Ditto geht, scheinbar Programm: Beth Ditto, das ist doch die Dicke! Die, die sich während ihrer Konzerte gerne auszieht! Die, die Karl Lagerfeld als seine Muse auswählte! Die, die ihre eigene Modekollektion hat! Die, die bei "Wetten, dass ..?" auf dem Schoß von Hansi Hinterseer saß! Die Lesbe und Feministin, die sich für ihresgleichen und andere Unterdrückte stark macht! Die, die nackt auf dem Cover des "Love"-Magazins war! Ja, Beth Ditto ist all das. Zuallererst ist sie aber die charismatische Frontfrau von Gossip, einem Trio aus Portland, Washington. Ihren tanzflächenkompatiblen Postpunk kennt inzwischen jeder - spätestens seit "Heavy Cross", das 2010 zur "erfolgreichsten international produzierten Single" aller Zeiten in Deutschland gekürt wurde. "Verrückt", findet Beth Ditto diesen Erfolg. Und freut sich beim Interview zum neuen Album "A Joyful Noise" wieder hier zu sein: "Deutschland fühlt sich für uns schon wie Zuhause an", erklärt die 31-Jährige. Und redet offen über ihre eigentliche Heimat, die konservativen Südstaaten der USA, die "McJobs" ihrer Mutter und über ihre ziemlich konkreten Pläne, eine eigene Familie zu gründen.
teleschau: Das Video zu Ihrer neuen Single "Perfect World" spielt in einer Kirche. Das ist doch Sarkasmus, oder? Schließlich hatten Sie wegen der Kirche als 15-Jährige in Arkansas nach Ihrem Coming-Out Angst, in die Hölle zu kommen ...
Ditto: Ja, ich war sogar noch jünger, als ich das erste Mal Angst hatte, in der Hölle zu landen. Es ist schon sarkastisch und ironisch, in einer Kirche zu drehen, es ist aber auch einfach eine schöne Umgebung. Und ganz ehrlich: in einer Kirche herrscht eine gewisse ikonische Symbolik. Die eigentliche Idee dahinter war, Madonnas "Like A Prayer" und den Zauberer von Oz zusammenzufassen. "Like A Wizard", sozusagen.
teleschau: Ihnen geht es nicht mehr darum, offen gegen die Kirche zu kämpfen, jetzt, wo Sie ein Star sind und Leute Sie hören?
Ditto: Ich bekämpfe die Kirche nicht. Ich umarme ihre Anhänger sogar, weil ich will, dass sie mich umarmen. Meine Mutter ist eine gläubige Christin, meine ganze Familie ist gläubig. Ich weiß, dass sie für mich beten. Und ich denke, dass ihre Gebete irgendwo ankommen. Ich finde es eine schöne Idee, das zu tun.
teleschau: Also keine negativen Gefühle mehr?
Ditto: Doch. Der Hass und die Verurteilungen, die schätze ich nicht. Aber ich würde niemanden für seinen Glauben verurteilen. Es gab aber mal eine Zeit in meinem Leben, in der ich das getan hätte. Jetzt will ich nicht, dass mich jemand behandelt, als läge ich falsch. Also behandele ich sie nicht, als ob sie falsch lägen. Meine Wutphase hatte ich in meiner Jugend, kämpfte mit meinen Einstellungen zum Christentum, zu Gott und zu Religion. Heute denke ich manchmal sogar, dass es toll sein muss, einen Ort zu haben, in den du deinen Glauben legen kannst. Muss gemütlich sein.
teleschau: Wo stecken Sie ihren Glauben hin?
Ditto: Ich stecke ihn ins Universum. Ich glaube an die Kraft der Menschen, an das Gute und an positive Energie. Einer der Gründe, warum ich so froh bin, dass wir das tun können, was wir tun, ist meine Mom. Sie ist eine so gute Person, sie muss irgendwo ein Karmakonto haben. Sie erfuhr absolut grausame Traumata in ihrem Leben und ging mit einer positiven Kraft aus ihnen heraus. Sieben Kinder und die halbe Nachbarschaft großzuziehen, so wie sie das tat, das finde ich unglaublich. Karma kann ein ziemliches Miststück sein, aber auch eine sehr klassische Lady.
teleschau: Sie erkrankten mit 23 Jahren an einer Autoimmunschwäche.
Ditto: Ich habe die Krankheit immer noch.
teleschau: Sie verloren damals Stimme, Gewicht und Sicht. Halten Rockmusik und ihre Shows Sie heute gesund oder ist Ihr Lifestyle auf Dauer auch schädigend?
Ditto: Ich glaube, dass es gesund hält, dein Leben aber auch schwerer macht. Aber eine Routine ist sicher noch schwerer zu halten. Ich verstehe nicht, wie Leute es schaffen, dank ihres Personaltrainers um 7 Uhr morgens aufzustehen. Das klingt nicht nach Spaß, das will ich nicht tun. Für mich ist die Band gesund, weil ich deshalb nicht in einem Job arbeiten muss, den ich hasse. Es ist mir wichtig, auch weiterhin etwas zu tun, das mir Spaß macht, das ich gerne tue.
teleschau: Und welche Laster pflegen Sie? Zigaretten? Bier?
Ditto: Die ganze Nacht Kaffee trinken! Ich mag kein Bier.
teleschau: Was mögen Sie denn?
Ditto: Whiskey mag ich wirklich. Mein absolutes Lieblingsgetränk aber ist Salty Dogs. Das ist Grapefruitsaft, Wodka und Salz rund um den Rand herum. Das ist lecker!
teleschau: Ihre Mutter steht die immer noch bei McDonald's hinter der Theke? Vor zwei Jahren sagten Sie: "2010 ist das Jahr, in dem ich so viel verdient haben möchte, dass meine Mum nie mehr arbeiten muss." Haben Sie?
Ditto: Sie muss nicht mehr bei McDonald's arbeiten, sie hat jetzt einen tollen neuen Job gefunden, wie er in Arkansas wirklich sehr selten ist. Die meisten Leute dort arbeiten für Walmart, was nicht gerade toll ist. Meine Mutter arbeitet jetzt am Fließband in einer kleinen Fabrik, meine Tante ist dort so eine Art Aufseherin. Es ist eine der wenigen Fabriken, die es dort noch gibt.
teleschau: Das heißt, Sie haben noch nicht genug verdient, damit sie gar nicht mehr arbeiten muss?
Ditto: Meine Mutter könnte nicht nicht arbeiten. Sie hat eine starke Arbeitsethik, und ihr Körper will immer beschäftigt werden. Die Republikaner behaupten ja, die Menschen seien zu faul zum Arbeiten. Das stimmt nicht, meine Mutter ist da wie die meisten anderen: Die Leute wollen arbeiten, sie wollen wirklich Jobs. Ich weiß das, ich komme von dort.
teleschau: Haben Sie ihr denn angeboten, mit der Arbeit aufzuhören?
Ditto: Sie könnte auf der Stelle aufhören zu arbeiten. Aber sie würde das nicht wollen. Sie würde sich wie ein Schwamm fühlen. Außerdem ist sie zu stolz. Sie ist noch jung, 55 Jahre.
teleschau: Sie selbst haben sechs Geschwister. Wollen Sie mal Familie haben? Sie tragen da einen Diamantring am Finger - sind Sie etwa verlobt?
Ditto: Ja! Mit meiner Freundin!
teleschau: Glückwunsch! Wie lange schon?
Ditto: Wir sind seit zwei Jahren zusammen und seit zwei Monaten verlobt.
teleschau: Wer machte den Antrag?
Ditto: Sie tat es! Sie trug ein T-Shirt, auf dem stand "B, will you marry me?" Und ich nur so: "Britney? Wer, wo, wie?" Ich musste sie schon fragen, ob sie das wirklich ernst meint. "Ja!", sagte sie.
teleschau: Kniete sie auch vor Ihnen nieder?
Ditto: Ja!
teleschau: Dann gab sie Ihnen den Ring und ...
Ditto: Nein, den Ring gab sie mir nicht, den habe ich mir selber ausgesucht.
teleschau: Und wann heiraten Sie?
Ditto: Nächsten April.
teleschau: Sie wollen also offenbar Familie haben.
Ditto: Ja.
teleschau: Auch Kinder?
Ditto: Ja!
teleschau: Wie? Durch Adoption?
Ditto: Ich glaube, ich würde sie schon zur Welt bringen wollen. Dieses Geburtending, Sie wissen schon!
teleschau: Ist das auch ein Grund gewesen, warum Sie aus Arkansas ins liberale Portland gezogen sind?
Ditto: Ja, das ist tatsächlich der Hauptgrund, warum ich dort lebe. Ich mag aber auch die Hitze im Süden nicht, Sommer in Arkansas halte ich nicht aus.
teleschau: Die Hochzeit wird also nicht in Arkansas stattfinden.
Ditto: Eigentlich wollten wir tatsächlich dort heiraten. Bis vor Kurzem. Jetzt werden wir es auf Hawaii machen. Meine Freundin kommt aus Hawaii.
teleschau: Karl Lagerfeld ist Fan von Ihnen, seit Jahren sind Sie auch eine Modeikone. 2009 waren Sie nackt auf dem Cover von "Love". Würden Sie das wieder tun?
Ditto: Ja, sicher. Natürlich reagiert nicht jeder positiv auf so eine Aktion.
teleschau: Haben Sie es satt, darüber zu reden? Dass Ihr Gewicht immer irgendwo eine Rolle spielt?
Ditto: Nein, ich könnte den ganzen Tag über mich reden. Mich nerven Bands, die ständig jammern, irgendetwas nicht mehr aushalten zu können. Du kannst dich nicht nackt auf einem Magazincover zeigen, wenn du 230 Pfund wiegst und dich dann beschweren. Es nervt, wenn berühmte Menschen sich beschweren, dass die Leute über solche Dinge reden - solange es kein Unfall war. Wenn es etwas war, das sie nie öffentlich machen und nie darüber reden wollten, dann verstehe ich die Aufregung. Mich kümmert das nicht.
teleschau: Ist das auch das einfache Geheimnis Ihres Erfolgs? Selbstbewusstsein und gute Songs?
Ditto: Und reden. Ja, so einfach ist das. Der Schlüssel ist auch: Ich bin in einer Band mit meinen Freunden. Wir haben eine tolle Gruppe von Leuten um uns herum, deren Gegenwart ich sehr genieße. Außerdem muss ich nicht früh aufstehen und von neun bis 17 Uhr arbeiten. Das ist toll. Und du musst dich immer wieder daran erinnern, dass du nicht jedermanns Lieblingsband sein kannst. Und auch nicht der beste Freund von jedem sein kannst.
Gossip auf Deutschland-Tournee:
01.06., Nürburgring, Rock am Ring
03.06., Nürnberg, Rock im Park
Fabian Soethof




