Musik / Backstage

"Ich konnte nicht mehr geradeaus denken"

Garbage veröffentlichen "Not Your Kind Of People"

"The Trick Is To Keep Breathing" heißt ein Garbage-Song aus dem Jahr 1998. Der Trick ist weiterzuatmen. Angewendet haben sie ihn nicht. Sieben Jahre dauerte die Auszeit der Alternative-Pop-Band, die Mitte bis Ende der Neunziger großen Erfolg hatte. Gründe für die Pause gab es einige, erklärt Sängerin Shirley Manson im Interview. Neben dem ehrwürdigen Produzenten Butch Vig (Nirvana, Smashing Pumpkins) ist sie die schillernde Frontfrau dieser eigenwilligen Gemeinschaft. Früher das hübsche Anhängsel, das für den lasziven Touch sorgte, schwamm sich die Schottin frei. Das Gefühl, anders zu sein als der Rest, zieht sich durch ihr Leben - bis hin zum aktuellen Albumtitel "Not Your Kind Of People". Doch aus dem Nesthäkchen ist eine 45-jährige Frau geworden, die Brustkrebs, Selbstzweifel und Schicksalsschläge überlebt hat. Dünn und blass sitzt sie beim Interview. Ihr Lippenstift macht nicht gerade Werbung für seine Haltbarkeit, das Augen-Make-up ist eher ungefähr verteilt, und den Teint kann man ebenmäßiger schminken. Auch die Haare sind ein wenig strohig. Shirley Manson erscheint nicht als überirdische Schönheit. Aber dafür als nahbarer Mensch.

teleschau: In einem Song auf dem neuen Album heißt es "Wir sind schwer zu verstehen" …

Shirley Manson (lacht): Sehr gut!

teleschau: Der Satz könnte also auf Garbage passen.

Manson: Ja, es ist die Geschichte über den Mikrokosmos einer Band. Erstaunlich universell anwendbar, obwohl er von uns handelt, wie vieles auf dem Album.

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teleschau: Sieben Jahre liegen hinter der Band, in denen jeder versuchte, ein Leben anderswo aufzubauen. Wann fingen Sie an, die Welt draußen zu vermissen?

Manson: Das war vor ein paar Jahren, als meine Mutter starb. Zu dem Zeitpunkt begann ich, die Welt zu vermissen und wollte ihr wieder begegnen. Vorher hatten wir alle eher ein Bedürfnis, uns einzuigeln, wir wollten bei uns selbst bleiben.

teleschau: Es war also ein Moment, in dem Sie sehr traurig waren, sich einsam fühlten und eine Sehnsucht nach Freunden verspürten?

Manson: Ja, nach Freunden und auch nach Familie. Ich war ganz schön verloren zu dieser Zeit. Es war dann eine natürliche Reaktion, wieder mit meinen Brüdern, also der Band, zusammen sein zu wollen. Ich wollte mich wieder einstöpseln, um an Energie zu gelangen.

teleschau: Und wer hat dann konkret den ersten Schritt gemacht?

Manson: Das war ich. Es passierte bei einem Abendessen mit meiner Agentin in Los Angeles. Sie redete auf mich ein, wann wir unseren Arsch bewegen würden, um wieder ein Album zu machen. Dann kam sie mit einer Idee: Wie wäre es denn, wenn Garbage beim Hollywood Bowl in Los Angeles mit einem Symphonieorchester spielen würden?

teleschau: Damit lockt man also die Maus aus dem Loch?

Manson: Und ob, ich war begeistert. Sie meinte daraufhin: Dann ruf mal deine Band an! Was ich getan habe. Jeder wollte das unglaublich gern machen, doch letztlich ist es an Butch gescheitert, weil er das Album der Foo Fighters produzierte. Aber wir redeten endlich mal wieder miteinander. Und alles, was wir brauchten, war eine kleine Flamme, die das Feuer wieder entzündete.

teleschau: Sie erinnern aber auch positive Gefühle in der Zeit, als Sie für sich allein waren?

Manson: Ich konnte nicht mehr geradeaus denken, als es mit uns zu Ende ging. Wir waren so unglücklich, hingen in der Infrastruktur unserer Plattenfirma fest. Unsere Kreativität erstickte, denn wir wollten nicht noch weiter nach oben gepeitscht werden. Dabei geht es nicht darum sich zu beklagen, dass eine Firma Geld verdienen will. Das haben wir durchaus verstanden, wir sind ja nicht doof.

teleschau: Worum geht es Ihnen denn?

Manson: Es wurden Grenzen überschritten. Wie wäre es mit einem für alle akzeptablen Mittelweg? Wenn jeder tun darf, was er möchte, kann daraus eine glückliche Ehe werden. Aber bei uns lief es in eine ganz unangenehme Richtung, wir wurden weitergereicht, verkauft. Letztlich hingen wir auch noch dort fest, wo kein Interesse an uns bestand.

teleschau: Die Flucht nach vorne war vermutlich auch eine Begegnung mit einer neuen Leere.

Manson: Wir sind weggerannt und ich wusste nicht, wohin. Meine Identität war tief mit der Band verwurzelt. Mir ging es richtig schlecht und ich fragte mich, wer ich eigentlich bin. Also bin ich gereist, nach Indien, Afrika, durch die ganze Welt. Was sollte ich mit mir anfangen? Diese spektakulären Orte räumten mich auf. Ich fing an, wieder bei mir anzukommen.

teleschau: Und worauf hatten Sie dann Lust?

Manson: Auf das sogenannte Soloalbum. Es sollte keine Kompromisse beinhalten, wurde aber in seiner Form natürlich nicht für gut befunden. Dann wurde meine Mutter krank, und ich vergaß, dass ich Sängerin in einer Band bin. In diesen Jahren konnte ich dann loslassen, ein befreiendes Gefühl. Denn ich glaubte ja, ohne die Band nicht existieren zu können. Doch dann bemerkst du, es ist wirklich vorbei - und ich habe immer noch ein ganz erstaunliches Leben.

teleschau: Wer hat Sie in dieser Zeit gefragt, wie es Ihnen geht?

Manson: Ich habe viele neue Freundschaften geschlossen, dadurch, dass ich nach Los Angeles gezogen bin. Vorher lebte ich mehr als zehn Jahre im mittleren Westen, mit einer Band, die ein gutes Stück älter ist - und deren Freunden. Das waren alles keine schlechten Menschen, aber die Jungs sind so unglaublich anders als ich, wir sind wie Tag und Nacht. Es war wichtig, Leute zu finden, die meine Sprache sprechen, mich verstehen. Und es war ein großartiges Gefühl, dass endlich mal keiner sagte: Du spinnst!

teleschau: Ist die Rückkehr auf die Bühne die Rückkehr an einen vertrauten Ort?

Manson: So ist es. Ich stehe dort, seit ich 15 bin. In der Vergangenheit fühlte ich mich nur auf der Bühne wohl. Das ist dann pervers! Heute fühle ich mich in mir zu Hause - und zwar mehr als jemals in meinem Leben. Damals dachten wir, wir hätten etwas falsch gemacht, als neue Musikströmungen aufkamen. Aber wir machen eben andere Musik als die anderen. Jetzt glaube ich, dass am Tisch ein Stuhl für uns frei ist.

teleschau: Haben Sie dieses Gefühl "nicht reinzupassen" endlich aus Ihrem Leben verbannt?

Manson: Es zog sich bei mir von Anfang an durch: Ich passte meiner Meinung nach nicht mal in meine Familie, dann kam die Stigmatisierung als Rothaarige, schließlich landete ich in einer Band mit lauter alten Typen, als einzige Frau. Dann war ich auch noch Schottin, wir passten nicht mal ins Vereinte Königreich … Als ich meine Mutter verlor, war das so ernst, dass ich ganz nüchtern überlegte, was ich vom Leben will. Mein ewiges Negativdenken verschwendete Zeit und Energie, veränderte aber nichts. Ich hatte ein paar gute Lehrer. Du musst aufhören, dieser Stimme zuzuhören oder sie besser noch abstellen.

Claudia Nitsche

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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