Durch seinen unkonventionellen Moderationsstil wurde der Brite Ray Cokes, einst Aushängeschild des Musiksenders MTV, zur gesamteuropäischen TV-Legende. Auf dem Papier ist er mittlerweile 54 Jahre alt, aber sein berühmtes Knautschgesicht kann er immer noch machen. Ganz sicher tut er das auch, wenn er ab 21. Mai erstmals mit seiner neuen Show "Ray's Guesthouse" auf Tour durch Deutschland geht. Neben diversen Musikgästen darf dabei auch viel gelacht und getalkt werden - ganz so, wie man es von Mr. Musikfernsehen gewohnt sind.
teleschau: Mr. Cokes, vor 20 Jahren gingen Sie mit Ihrer MTV-Kultsendung "Most Wanted" auf Sendung.
Ray Cokes: Ist das wirklich schon so lange her? So fühlt es sich gar nicht an.
teleschau: Wie lebte es sich als gesamteuropäischer Fernsehstar?
Cokes: Wunderbar! Wir bekamen täglich 2.000 Briefe aus ganz Europa. Während des Bosnien-Krieges sogar von beiden Seiten. Mir schrieben Leute, die ihre Eltern durch Bomben verloren hatten, die eine Stunde ihres kostbaren Stroms am Tag aufsparten, um meine Sendung zu sehen. Weil sie für einen Moment ihr schreckliches Leben in diesem Krieg vergessen konnten. Die Zuschauer und ich - das war eine große Familie.
teleschau: 1996 haben Sie nach einer chaotischen Live-Sendung aus Hamburg Ihren Hut genommen. Haben Sie mittlerweile Ihren Frieden mit MTV gemacht?
Cokes: Das habe ich! Ich war lange Zeit verbittert. Denn in England fing Chris Evans an, mich zu kopieren und Millionen damit zu verdienen. Stefan Raab tat das Gleiche in Deutschland. Das brachte Gift in mein System. Aber das ist vorbei. In den letzten Jahren stellte ich fest, dass negative Energie in erster Linie nur dich selber verletzt. Je glücklicher und positiver du bist, desto mehr ziehst du genau das an. Und ich bin von Natur aus ein optimistischer, fröhlicher Typ.
teleschau: Ging das soweit, dass Sie einen Therapeuten aufsuchen mussten?
Cokes: Nein, das brauchte ich nie. Denn ich habe fantastische Freunde, die mir ehrlich die Meinung sagen. Und eine Familie, die mir sehr nahe steht. Das ist meine Therapie.
teleschau: Es mag auch geholfen haben, dass sich MTV mit seinem Rückzug ins Bezahlfernsehen quasi selbst den Todesstoß gab.
Cokes: Es half, aber es hat mich auch traurig gemacht. Warum zerstören sie ihre einst so starke Marke? MTV war zu meiner Zeit innovativ und fast schon revolutionär. Und jetzt machen sie sogar das MTV-Gebäude in London platt, wo so viel Denkwürdiges passiert ist.
teleschau: Sie bezeichneten sich immer als "Friend Of The Stars". Wie viel ist denn davon übrig geblieben?
Cokes: Mit Leuten wie Robert Smith von The Cure oder Placebo bin ich immer noch gut befreundet. Wenn man sich trifft oder wir uns mailen, ist es so, als wäre es gestern gewesen. Wenn ich zu viel getrunken habe, bettele ich Robert Smith schon mal an, ob wir nicht ein bisschen rumjammen können. Ich kann zwar nur zwei Akkorde auf der Gitarre spielen, aber das ist ihm egal. Robert hat mit The Cure ja auf meiner Hochzeit gespielt, die Ehe hielt trotzdem nicht. Mit Damon Albarn, den ich sehr bewundere, habe ich auch schon ein paar Flaschen Wodka geleert. Es ist schön, dass das nicht verloren ging.
teleschau: Merken Sie das auch, wenn Sie durch die Straßen spazieren?
Cokes: Absolut! Wenn ich in Europa unterwegs bin, kommen so viele Leute und Bands auf mich zu und sagen: "Hey Ray, wie geht's denn so?" Das überrascht mich immer wieder. Es ist nicht nur so, dass sie sich erinnern, sie zeigen ehrliche Zuneigung! Das kann man sich nicht erkaufen.
teleschau: Viele Leute, die damals Ihre MTV-Sendung guckten, haben durch Sie erst richtig Englisch gelernt!
Cokes: Das höre ich nicht zum ersten Mal. Vor drei Jahren schrieb mich ein deutscher Pornostar über Facebook an. Katja Kassin, so der Name der Dame, lebt mittlerweile in Los Angeles. Sie meinte, sie hätte immer "Most Wanted" geguckt und dadurch Englisch gelernt. Und sie fragte, ob wir uns nicht zum Lunch treffen könnten.
teleschau: Haben Sie zugesagt?
Cokes: Natürlich! Ich hatte noch nie zuvor einen Pornostar getroffen. Ich dachte, es wäre interessant, eine Pornodarstellerin mittags zu treffen. Sie war gar nicht so verrucht, wie man es erwartet hätte: Sie war süß, schüchtern und wirkte eher unschuldig. Als sie sich für ihr Englisch bei mir bedankte, entgegnete ich ihr: "Ich kann mich nicht erinnern, jemals "Oh yes, fuck me harder" in meiner Sendung gesagt zu haben ...
teleschau: Hat Sie da immer noch gelächelt?
Cokes: Ja. Du kannst sagen, was du willst, solange du dabei charmant bist. Ihr Englisch war übrigens wirklich sehr gut. (lacht)
teleschau: Sind Sie eigentlich ein typischer Brite?
Cokes: Nein, ich lebte die letzten Jahre in Paris und Berlin. Auch durch meine zahlreichen Umzüge bin ich wohl eher ein Festland-Europäer. Ich gehe beispielsweise auch gar nicht gerne in den Pub. Dieses Macho-Gehabe der Männer dort liegt mir nicht. Außerdem trinke ich lieber Wein. Wissen Sie, was wirklich witzig ist? Ich moderiere in Belgien eine Sendung, in der es ausschließlich darum geht, wie köstlich und wunderbar belgisches Bier ist.
teleschau: Und, ist es das?
Cokes: Ja. Seitdem ich in Belgien lebe, trinke ich sogar Bier!
teleschau: Auch in Ihrer Show "Ray's Guesthouse" gibt es eine Bar auf der Bühne. Das Konzept wurde dort geboren, wo Sie Ihre letzte MTV-Sendung moderiert haben: auf der Reeperbahn in Hamburg!
Cokes: Das stimmt, dort ist es ein voller Erfolg. Letztes Jahr mussten wir jeden Abend 200 Leute wieder wegschicken, weil der Saal völlig überfüllt war. Wobei Konzept schon fast zu viel gesagt ist: Bei mir spielen bekannte Bands und viel versprechende Newcomer. Es gibt Talkrunden mit mir als Moderator, der für Chaos sorgt. Es gibt Alkohol und ein Livepublikum.
teleschau: Und jede Band, die bei Ihnen spielt, wurde von Ihnen handselektiert?
Cokes: Bei den deutschen Bands lasse ich mir Vorschläge unterbreiten. Aber ohne mein finales Go passiert nichts, das habe ich mir vertraglich zusichern lassen. Denn wenn es um die Frage der Glaubwürdigkeit in der Musik geht, gebe ich nie nach und lasse mich nicht kaufen. Ich bin stolz auf meine Reputation. Diese erste Tour ist auch ein Testlauf mit der Option, größer zu werden.
teleschau: Dass Sie Musikfan sind, ist bekannt. Dass Sie aber so ein ausgeprägtes Interesse an Indiebands haben, nicht unbedingt. Hat sich das mit der Zeit entwickelt?
Cokes: Nein, das war immer schon da. Manche Leute in meinem Alter sagen: "Früher war alles besser, ich bleib lieber bei den Bands der 70-er und 80-er." Aber ich war Punk und bin es irgendwie immer noch. Ich habe zum Glück viele Kumpels, die immer noch mit mir auf Konzerte gehen.
teleschau: Bei den Gesprächsrunden fühlen Sie den Bands auf den Zahn. Sind Sie denn jetzt ein Musikjournalist?
Cokes: Ach nein, das klingt zu ernsthaft. Ich bin ein Entertainer, in der Rolle gefalle ich mir. Ich wurde im ersten Jahr des Reeperbahnfestivals gefragt, ob ich nicht im Gesprächs-Panel sitzen will. Und ich antwortete: "Wie? Ich soll da rumsitzen und darüber sprechen, wie illegale Downloads die Musik killen?" Das bin ich nicht! Dann würden die Leute sagen, Ray ist ein alter Mann geworden. Also schlug ich vor, eine Show auf die Beine zu stellen. Ich will schließlich Menschen zum Lachen bringen und mit den Bands Spaß haben. Trotzdem setze ich mich mit der Kunst meiner Gäste auseinander.
teleschau: Die Bands, die da vor Ihnen sitzen, sind zu jung, um Sie noch von MTV zu kennen.
Cokes: Das stimmt, meist kennen aber ihre Manager mich. Und die Bands selber können gar nicht glauben, dass dieser ältere Typ da etwas über sie weiß. Es gibt so viele faule Moderatoren heutzutage. Sie müssen ja auch nur noch gut aussehen, um den Job zu bekommen. Ich bin da eher die alte Schule und finde, man muss wissen, worum es bei den Künstlern geht. Es ist eine Form des Respekts.
teleschau: Haben Sie Angst vor Pannen?
Cokes: Oh ja. Beim letzten Reeperbahnfestival schwitzte ich mein ganzes Hemd durch, weil etwas völlig missglückte. Aber ich merkte dabei auch, dass die Leute davon irgendwie begeistert sind. Sie wollen, dass Dinge auch mal schiefgehen, weil sie es heute kaum noch haben. Alles ist formatiert, gescriptet und sicher. "Ray's Guesthouse" ist das alles nicht. Deshalb machen wir es überhaupt.
teleschau: Und wenn das mir Ihrer neuen Show trotzdem in die Hose geht?
Cokes: Nun, neulich habe ich einen wundervollen Hindu-Spruch gehört, an dem ich mich dann orientieren werde: "In the end everything will be alright. And if it's not alright, dont worry, it means it's not the end."
"Ray's Guesthouse" auf Deutschland-Tournee:
21.05., Frankfurt, Gibson (Gäste: Shantel, H-Blockx, Triggerfinger, The Intersphere)
22.05., Köln, E-Werk (Gäste: Jupiter Jones, Donots, Triggerfinger, The Mint)
23.05., Hamburg, Fabrik (Gäste: Cäthe, Pohlmann, Triggerfinger, Ein Astronaut)
24.05., Berlin, Postbahnhof (Gäste: Nina Hagen, Plan B, Triggerfinger, Fiva & Das Phantom Orchester, Me And My Drummer, Admiral Black, Two Trick Pony)
25.05., München, Freiheiz (Gäste: Emil Bulls, Django 3000, This Is The Arrival, Tim McMillan)
Katja Schwemmers




