Musik / Backstage

Die "Nice Guys" von nebenan

Die Wise Guys feiern mit dem Doppelalbum "Zwei Welten" einen Neustart und einen Abschied

Ein Interview? Hier? Der Mann hinter der Bar schüttelt den Kopf. Die Wise Guys seien ganz sicher nicht in dieser Kneipe. "Es sei denn, die sind inkognito hier", sagt er. "Ich weiß nämlich gar nicht, wie die aussehen, muss ich gestehen." Und tatsächlich: In einer abgeschiedenen Ecke sitzen vier der fünf Sänger bei Kaffee und Apfelschorle, während sie auf das nächste Gespräch warten. Die Wise Guys nennen sich selbst den "bestgehüteten Hype der Nation" - und das scheint zu stimmen: Mehr als 20 Jahre Bandgeschichte, elf Alben, zwei goldene Schallplatten und einige Top-Ten-Hits liegen hinter der A-cappella-Band - und trotzdem kennt sie kaum jemand. Das soll sich jetzt ändern: Mit der Veröffentlichung des Doppelalbums "Zwei Welten", dessen erster Teil ab 25. Mai in den Plattenläden steht, wechselten die Wise Guys zum großen Label Universal . Und ausgerechnet in dieser aufregenden Zeit hat Ferenc Husta, der Bass, seinen Ausstieg verkündet: Er wird nur noch bis Ende des Jahres bei der Band bleiben.

teleschau: Der Neustart bei Universal läutet auch den Abschied von Ferenc Husta ein. Belastet das?

Ferenc Husta: Nein. Eher im Gegenteil.

teleschau: Wie das?

Husta: Durch die Entscheidung ist es jetzt eher eine sehr ausgeglichene, harmonische Zeit. Weil ich mir klargemacht habe, was ich möchte, und was ich nicht mehr möchte. Und weil die Jungs sich natürlich auch klargemacht haben, was sie wollen. Da die Entscheidung auf diese Weise gefallen ist, können wir alle gut damit umgehen, und ich muss sagen (dreht sich zu den anderen, d. Red.): Ich fühle mich so wohl mit euch wie seit Langem nicht mehr. Und das ist doch schön, oder?

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Daniel Dickopf: Ich muss auch sagen, bei den Konzerten spürt man's noch nicht. Gerade eben waren wir zum Beispiel in München, aber wir kommen im September nochmal dort hin, es war also nicht einmal das letzte Konzert in der Stadt. Für sentimentale Stimmung ist es einfach zu früh, es ist alles sehr weit weg.

teleschau: Haben Sie Angst vor dem Moment, in dem es nicht mehr so weit weg ist?

Husta: Das ist schwer zu sagen. Das werde ich in ein paar Monaten wissen.

teleschau: Es war ein ungewöhnlicher Schachzug, den Ausstieg so früh anzukündigen. Warum haben Sie das getan?

Dickopf: Dadurch, dass die Fans es jetzt schon wissen, können Sie jetzt noch gezielt ein Konzert besuchen, bei dem Ferenc noch dabei ist, und Abschied nehmen. Das ist vielen sehr wichtig. Und wir müssen außerdem einen Neuen suchen. Da brauchen wir einen bestimmten Vorlauf, denn er wird sehr viele Dinge lernen müssen. Und wir müssen die Chance haben, einordnen zu können, ob er zu uns passt.

Marc Sahr: Unser Verhältnis zu unseren Fans ist ein ziemlich Besonderes, das sich auch dadurch auszeichnet, dass wir Dinge sehr offen und sehr frühzeitig kommunizieren.

teleschau: Hatten Sie, Herr Husta, als eher privater Mensch kein Problem damit, so das Innere nach außen zu kehren?

Husta: Nein. Ich wollte den Leuten noch ins Gesicht gucken können, wenn ich sie nach den Konzerten noch sehe. Ich hatte keine Lust, ein Jahr lang irgendwelche Lügen zu verbreiten. Und ich habe auch viele positive Reaktionen auf die Offenheit bekommen, gerade per Mail. Ich habe keine einzige E-Mail bekommen, in der stand: "Warum hörst du auf? Ich versteh das nicht, du Arsch."

Dickopf: Von mir schon. (alle lachen)

teleschau: Auf dem Album ist noch nicht viel von Abschiedsschmerz zu spüren ...

Dickopf: Es ist ein positives Album, stimmt. Grundsätzlich sind wir eben positiv denkende Menschen und lebensbejahende Typen. Das Album ist ja außerdem in den letzten zweieinhalb Jahren entstanden, da war diese Thematik noch nicht da.

teleschau: Zweieinhalb Jahre! Ganz schön lang. Lag's an dem besonderen Konzept?

Dickopf: Gut möglich. Das Konzept ist, dass beide Alben im Grunde gleich sind, es werden größtenteils die gleichen Songs darauf sein. Auf dem einen Album komplett a cappella, also wirklich nur von uns gemacht, auf dem anderen mit Instrumenten von Profimusikern erster Güte; das hätten wir nicht gekonnt. So, dass man am Ende einen Song in beiden Darbietungen hören kann. Das ist für uns jetzt schon in der Entstehung sehr spannend, weil wir oft selbst nicht einer Meinung sind, welche Version besser klingt.

teleschau: War das Songschreiben diesmal anders, weil Sie immer auf die spätere Instrumentierung achten mussten?

Dickopf: Nein. Wir haben ja als Band angefangen, und Eddi und ich schreiben eigentlich Popsongs. Ich komponiere auch mit Gitarre und ich höre im Kopf eine Gitarre, ein Klavier und ein echtes Schlagzeug. Erst nachher arrangiert man das dann für a cappella um. Das ist manchmal etwas ernüchternd, weil es einen klanglich ein bisschen limitiert.

teleschau: Also wollten Sie schon immer mal ein "richtiges" Popalbum aufnehmen?

Dickopf: Ja, es ist die Erfüllung eines Jugendtraumes, dass das, was wir seit 20 Jahren vor unseren geistigen Ohren hören, endlich mal genau so umsetzen zu können - ohne die A-cappella-Sache zu verleugnen. Daher die Trennung. Wir hatten eine große Auswahl an Songs, die wir auf das Album hätten packen können. Die Auswahl wächst von CD zu CD, zumal ja Nils, unser Neuer, auch angefangen hat, Songs zu schreiben.

teleschau: Nils Olfert ist nach dreieinhalb Jahren immer noch der Neue für Sie?

Sahr: Da kann sich der neue Bass auf was freuen. (lacht)

Husta: Ohne Quatsch: Ich war 15 Jahre lang der Neue.

Dickopf: Wenn man unsere Historie sieht - Eddi, Sari und ich kennen uns seit bald 31 Jahren. Dagegen sind dreieinhalb Jahre relativ wenig. Aber natürlich ist Nils schon voll integriert ...

teleschau: ... und freut sich trotzdem schon auf den neuen Neuen, oder?

Dickopf: Das kann gut sein.

teleschau: Haben Sie da Initiationsrituale?

Hüneke: Ja, aber da möchten wir nicht drüber sprechen. (lacht)

Husta: Da möchte ich nicht mal drüber nachdenken! (lacht)

Hüneke: Wir haben damals schon versucht, den Nils näher kennenzulernen, er hat zum Beispiel mal bei mir übernachtet ...

Dickopf: ... ich hab ihn in den Karneval eingeführt.

Hüneke: Es ist also schon sehr wichtig, dass wir das potenzielle neue Mitglied richtig kennenlernen. Weil wir so viel Zeit miteinander verbringen, auf Tour, bei den Kreativblöcken und so weiter. Wenn wir jetzt also einen Bass finden würden, der super singt, der aber menschlich nicht zu uns passt, dann würde das eben nicht funktionieren.

teleschau: Sind die Wise Guys mehr als nur eine Band?

Husta: Klar! Allein dadurch, dass man sich schon so lange kennt. Da ist ein Freundeskreis gewachsen, und das Private gleitet ins Berufliche über.

Dickopf: Ich habe neulich gelesen, dass die Toten Hosen so ein Gemeinschaftsgrab haben, eine Gruft, in der die ersten Techniker auch schon bestattet sind. So weit sind wir noch nicht. Aber früher gab es eben im Freundeskreis eine Band, und dass da jetzt ein Beruf daraus gewachsen ist, das ist schon etwas Besonderes.

teleschau: Zu Ihrem Beruf zählt auch das Engagement für Misereor, außerdem haben Sie schon auf dem evangelischen Kirchentag gesungen und treten auch auf dem katholischen Kirchentag in Mannheim auf. Sind Sie eigentlich religiös?

Dickopf: Wir sind konfessionell absolut nicht gebunden, das mal vorausgeschickt. Meistens kommen die auf uns zu. Zu den Kirchentagen sind wir auch nicht mit der Mission gefahren, dass wir mit unserem Auftritt Menschen zum Christentum bekehren wollen. Ganz und gar nicht. Wir hatten eben die Anfrage, beim ersten Mal in Hannover, und probierten das einfach mal aus. Und dann war es eines der schönsten Konzerte, die wir je hatten. Vor 35.000 Menschen. Da sagtebn wir natürlich: Wir treten gerne wieder auf. Es scheint auch eine Kompatibilität zu geben zwischen uns und den Leuten, die solche Kirchentage besuchen - die sind jung, gut drauf, wollen die Welt positiv sehen, feiern aber auch gerne und haben Spaß.

teleschau: Also keine Missionare?

Dickopf: Ganz im Gegenteil. Das ist ein totales Reizthema für mich: Ich finde nichts schlimmer, als wenn Menschen anderen Menschen ihre Lebensweise aufzwingen wollen. Ich glaube, das ist die Wurzel von ganz vielem Übel - wenn nicht sogar von allem. Auch missionarische Vegetarier oder militante Nichtraucher ...

teleschau: Zwischen Ihnen und Ihren Fans scheint eine ziemlich enge Bindung zu herrschen. Woher kommt das?

Hüneke: Wir pflegen ein sehr persönliches Verhältnis eben nicht nur untereinander, sondern auch zu den Fans. Da entsteht eben auch eine Art Beziehung. Keine Liebesbeziehung natürlich. Aber dadurch, dass wir bei Konzerten nicht nur unser Programm durchziehen, sondern immer auf Interaktion setzen, kommt da eine gewisse Herzlichkeit zustande. Es passiert aber auch - aber das ist selten -, dass einzelne Fans die Grenzen nicht mehr kennen und vergessen, dass wir nicht wirklich persönliche Freunde sind.

Sahr: Einmal hatten wir einen Stalker, aber das ist auch schon lange her und danach nicht mehr vorgekommen.

teleschau: Und das hat Sie nicht abgeschreckt?

Dickopf: Wir sind etwas vorsichtiger geworden. Aber das hat sich mittlerweile auch wieder gelockert. Eine Zeit lang war ich sehr vorsichtig mit meiner Handynummer, und auch sonst ein bisschen paranoid. Aber es war nicht so dramatisch.

teleschau: Und jetzt ist alles wieder gut zwischen Ihnen und den Fans?

Dickopf: Absolut. Wenn wir in festen Hallen auftreten, wo die Security gestellt wird, wundern die sich immer, dass die uns nicht groß beschützen müssen, dass uns keiner die Haare vom Kopf reißt, dass die Leute sich geduldig anstellen und es keine Schlägereien gibt. Das sind zum ganz großen Teil sehr nette Leute.

Wise Guys auf Deutschland-Tournee:

20.05., Stuttgart, Liederhalle

25.05., Wuppertal, Historische Stadthalle

31.05., Trier, Arena

01.06., Saarbrücken, Saarlandhalle

20.06., Lübeck, MuK

21.06., Lübeck, MuK

22.06., Flensburg, Deutsches Haus

24.06., Bremen, Die Glocke

25.06., Bremen, Die Glocke

30.06., Köln, Tanzbrunnen

05.07., Würzburg, Congress Centrum

06.07., Passau, X-Point-Halle

01.09., Euskirchen, Cityforum

06.09., Limburg, Stadthalle Limburg

08.09., Dresden, Freilichtbühne Junge Garde

12.09., Frankfurt, Alte Oper

13.09., Leverkusen, Forum

14.09., Lohmar, Jabachhalle

15.09., Köln, E-Werk

20.09., Düsseldorf, Tonhalle

22.09., Berlin, C-Halle

27.09., Singen, Stadthalle

30.09., München, Gasteig

03.10., Köln, Philharmonie

05.10., Münster, Halle Münsterland

06.10., Dortmund, Konzerthaus

19.10., Bielefeld, Stadthalle

20.10., Bremen, Glocke

21.10., Bremen, Glocke

26.10., Aachen, Eurogress

27.10., Siegen, Siegerlandhalle

28.10., Wesel, Niederrheinhalle

03.11., Essen, Grugahalle

10.11., Mainz, Phönix Halle

11.11., Fürth, Stadthalle

16.11., Freiburg, Konzerthaus

17.11., Karlsruhe, Europahalle

22.11., Osnabrück, OsnabrückHalle

23.11., Hannover, Capitol

24.11., Göttingen, Lokhalle

30.11., Augsburg, Messe Augsburg

01.12., Kempten, BigBox

06.12., Bonn, Beethovenhalle

08.12., Braunschweig, Volkswagenhalle

12.12., Leipzig, Werk II

13.12., Halle, Steintor-Varieté

14.12., Weimar, Weimarhalle

15.12., Wetzlar, Rittal Arena

19.12., Kiel, Kieler Schloss Wall

20.12., Hamburg, CCH

21.12., Neumünster, Holstenhalle

22.12., Oldenburg, Kongresshalle

Sabine Metzger

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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