Die klassische Boygroup? Klar, da fallen einem New Kids On The Block, die Backstreet Boys, 'N Sync und natürlich Take That ein. Aber in jüngerer Vergangenheit? Den letzten zehn Jahren etwa? Fast schon hätte man glauben dürfen, dass dieses Phänomen sich überlebt hat. Nie wieder von Marketingprofis wild zusammengewürfelte, gut aussehende Jungs, die zu durchchoreografierten Performances seichte Schmuse-Popnummern trällern? Nun, jetzt gibt es One Direction. Eine britisch-irische Boyband, die gerade dazu ansetzt, ähnlich erfolgreich wie ihre Vorgänger in den 90er-Jahren zu werden. Und deswegen natürlich bloß nicht anecken soll, wie sich im Interview mit einem der Jungs herausstellt.
Ihre Karriereweg ist fast schon klassisch: Niall Horan (18), Zayn Malik (19), Liam Payne (18), Harry Styles (18) und Louis Tomlinson (20) nahmen 2010 an der britischen Ausgabe von "The X Factor" teil, bewarben sich aber als Solosänger. Doch Pussycat-Doll Nicole Scherzinger hatte als Jury-Mitglied die Idee, die fünf zur Gruppe zu formen. Und auch wenn One Direction letztendlich "nur" als Dritter aus der Show vom Platz gingen, war der Zusammenschluss eine lohnender Coup, wie sich inzwischen herausstellt: Die netten Boys landeten mit ihrem Album "Up All Night" in zwölf Ländern auf Platz eins.
Damit nicht genug der Rekorde: One Direction sind die erste britische Band, deren Debüt in den USA direkt auf Platz eins der Charts schoss. Hier merkt die Plattenfirma gerne an, dass dies nicht einmal die Beatles schafften. Die Views ihrer Videos belaufen sich auf über 300 Millionen, sechs Millionen Fans bekennen sich bei Facebook zu One Direction. Für ihre UK-Arena-Tour 2013 sind bereits 300.000 Tickets abgesetzt, die Tournee in Amerika ist restlos ausverkauft. Die fünf rastlosen Jungs haben sogar bereits einen "Brit Award" (für die Single "What Makes You Beautiful") abgeräumt. Dieser wird wohl auf dem Nachttisch ihres Managers gelandet sein. Und er wird sich auch händereibend über folgenden Rekord am meisten freuen: One Direction verzeichnen die höchsten Boygroup-Merchandise-Umsätze seit 'N Sync. Der Manager ist kein Geringerer als Simon Cowell, Erfinder der Formate "X Factor" und "Britain's Got Talent". Der britische Dieter Bohlen, wenn man so will.
Er dürfte es auch sein, der Nesthäkchen Harry dazu anhält, im Interview wohlerzogene Plattitüden wie "Wir arbeiten hart, aber das ist der Spaß wert" von sich zu geben. Und Cowell dürfte auch versuchen, den Spaß der Jungs in Zaum zu halten. Denn One Direction sollen bekannt dafür sein, dass sie keiner Party, keinem alkoholischen Getränk aus dem Weg gehen. Geraucht wird wohl auch, dass sie in Sachen Girls keine Kostverächter sind, wird ebenfalls gemunkelt. Und dass man als aufstrebende Boygroup eher ein sauberes Image pflegen sollte, das versucht Manager Cowell ihnen noch einzubläuen. Und es gelingt. Zumindest im Gespräch. "Es ist ein seltsames Gefühl, wenn die Mädchen nach uns schreien. Wir sind doch nur ganz normale Jungs", sagt Harry über ihr Image als Mädchenschwarm. Und natürlich sind One Direction "alle beste Freunde und haben sehr viel Spaß miteinander". Aber wer will ihnen solche Antworten verdenken, so geht das Spiel im Boygroup-Business eben.
Dazu gehört auch, ihr hierzulande erst im Februar erschienenes Album aufgrund des wachsenden Erfolgs nun gleich nochmal zu veröffentlichten. Auf der Special Edition gibt's als Bonus die DVD "Up All Night - The Live Tour", die eindrucksvoll zeigt, wie One Direction die Massen bewegen. Für Fans gibt es hier ein einstündiges Konzert, ein nettes Backstage Video und drei wohl produzierte Musikvideos zu sehen. Die CD beinhaltet - zusätzlich zu den 13 Songs des Debüts - drei Extra-Tracks, speziell für die deutschen Fans.
Ob diese so treu werden wie etwa die schwedischen Fans, bleibt jedoch noch abzuwarten. Als 1D - keine Boyband ohne klassische Abkürzung! - vor Kurzem in Stockholm Songs für ihr zweites Album aufnahmen, standen tagtäglich bis zu 3.000 (!) Fans vor der Absperrung der Studiotür. Sozialen Netzwerken sei Dank verkünden sich solche Botschaften bei Fans eben schnell. An ein Privatleben ist für die Jungs vorerst nicht zu denken.
Aber momentan überwiegen ohnehin die positiven Aspekte des weltweiten Erfolgs. "Ich freue mich darauf, Länder zu bereisen, die ich sonst nie kennengelernt hätte", erzählt Harry begeistert. Ja, One Direction sind bereit, noch viele Jahre von Termin zu Termin zu hetzen und dafür auf vieles zu verzichten. Aber es kann sich auszahlen, wie sich bei ihren Vorbildern zeigt. Harry weiß auch genau, an wem er sich orientieren will: "Die coolste Senior-Boygroup sind Take That! Sie haben es geschafft, mit ihrer Musik erwachsen zu werden. Das wäre der Traum, wenn dies mit One Direction auch zu schaffen wäre!"
Nina Becker-Göpner






