Wie weiter? Einfach weiter so? Auch Maximo Park mussten sich dieser Frage stellen. 2005 stach das Quintett aus Newcastle aus dem uniformierten Einheitsbrei all der sogenannten New-New-Wave-, Post-Postpunk- und Indierock-Kapellen hervor - mit den zackig-romantischen Hits ihres Debütalbums "A Certain Trigger". Der Nachfolger "Our Earthly Pleasures" (2007) und dessen Singles "Our Velocity" und "Books From Boxes" bescherten der Band dann ihre bislang größten kommerziellen Erfolge. Seitdem herrscht eine gewisse Stagnation auf hohem Level. Oder? Wenn man dem sympathischen und redseligen Frontmann Paul Smith glaubt, dann ist das bloß ein Missverständnis. Im Interview erklärt er, dass das neue Maximo-Park-Album "The National Health" nicht nur bekannte romantische Schwärmerei, sondern auch Abrechnung mit den gegenwärtigen politischen Zuständen ist.
teleschau: Wann haben Sie zuletzt einen Liebesbrief geschrieben? Einen, aus dem nicht am Ende ein Maximo-Park-Song wurde?
Paul Smith: (lacht) Ja, alle Songs sind irgendwie Liebeslieder. Ich weiß es nicht wirklich. Den letzten Liebesbrief schrieb ich vermutlich, als ich in London war. Ich bastelte eine kleine Karte, das war in einer Kunstgalerie in Camden. Draußen gibt es einen schönen Garten. Da saß ich, las eine Arbeit, kam gerade von einer Ausstellung, hatte Lunch, schrieb etwas herunter, steckte es in einen Umschlag und schickte es weg ...
teleschau: Und es kam gut an?
Smith: Es kam sehr gut an!
teleschau: Bei einer Empfängerin, die zu der Zeit nicht Ihre Freundin war?
Smith: Doch, sie war damals schon meine Freundin und ist es immer noch. Wenn Beziehungen andauern, schreibst du weniger. Du hast den Deckel ja schon draufgesetzt! Das macht auch eine Beziehung aus, dass du nicht mehr so viele Liebesbriefe schreiben musst. Aber gerade wenn du so viel unterwegs bist, wie wir es sind, solltest du dir hin und wieder die Mühe machen.
teleschau: In den vergangenen drei Jahren haben sowohl Sie als auch Gitarrist Duncan Lloyd ein Soloalbum veröffentlicht. Was machte der Rest der Band, Familien gründen?
Smith: Ja, Tom etwa hat geheiratet. Jeder machte sein eigenes Ding. Ich hatte gefühlt keine Pause, aber ich hatte eine Auszeit von Maximo Park. Davon, der Typ zu sein, der umherspringt und jeden von dieser kraftvollen Popmusik begeistern will. Das wollte ich erst mal nicht, wahrscheinlich ging es jedem in der Band ähnlich. Es bringt nichts, den gleichen Song immer und immer wieder zu spielen. Wenn es dich langweilt, langweilt es auch die Leute, und sie kommen nicht mehr zu deinen Shows.
teleschau: Ihre eigene Musik wurde Ihnen also langweilig?
Smith: Mir nicht, aber da müssten sie schon jeden einzelnen aus der Band selbst fragen. Ich habe bisher noch jeden Abend meines Lebens einen Grund gefunden, auf die Bühne zu gehen - auch abgesehen davon, dass man das von mir erwartet. Nach der letzten Tour brauchten wir die Auszeit, andernfalls hätte uns die Lust verlassen können.
teleschau: Aber das war eher die Meinung Ihrer Bandkollegen?
Smith: Ja, andere in der Band würden vielleicht sagen, dass sie zum Ende hin ein bisschen müde wurden. Tom sagte so was, als wir in Australien tourten. Aber ich bin zu verbunden mit den Songs. Ich habe keine andere Perspektive. Ich glaube daran, dass du jede Nacht versuchen solltest, auf die Bühne zu gehen und dort alles zu geben. Das ist meine Herausforderung. Wenn ich das nicht täte, würde ich mich wirklich schlecht, leer und müde fühlen. Niemand will von einer Band hören: "Oh, wir sind ja so müde".
teleschau: Über Ihr neues Album sagten Sie im Vorfeld: "Wir stecken in einer weltweiten Rezession und trotzdem werden wir mit fröhlicher, knallbunter Musik bombardiert". Wenn also "The National Health" plötzlich ein politisches Album ist, sind Maximo Park immer noch die romantische Band?
Smith: Absolut. Das Album sucht nach der Romantik innerhalb dieser weltweiten Rezession. Wenn die Welt und ihre gesellschaftlichen Strukturen um uns herum scheinbar kollabieren, geht das Leben trotzdem weiter. Es bleibt nicht stehen. Deswegen kann unser Album auch nie ein politisches Album sein mit einem großen "P". Da sind so viele Liebeslieder und Lieder über Beziehungen drauf. Dennoch fühlt es sich gegenwärtig an, als kämen die 80er-Jahre zurück.
teleschau: Inwiefern?
Smith: Die Konservativen bilden wieder die Regierung. Das erschafft eine Art Unterschicht, das Radio spielt poppiges Zeug, um eine Blase der Positivität zu kreieren. Fest steht, dass die Welt ein ziemlich kaputter Ort ist. Aber auch, dass sie immer noch ein guter Ort ist.
teleschau: Ist das Album auch ein wenig ein persönlicher Kampf gegen "die da oben"?
Smith: Ja, ich wurde in einer Arbeiterklasse-Familie geboren, und werde wohl nie von irgendwelchen Eliten akzeptiert werden. Ich habe einen Akzent, auf den schon während der Uni die Leute reagierten. Das bringt dich auf.
teleschau: Rührt daher auch der konsequent rockende Titelsong?
Smith: Ja, er gibt dir einen Arschtritt. Und er sagt: England ist nicht alleine, diese Dinge passieren überall. Wenn ich über die Straßen gehe, fühlt es sich an, als steht uns eine Katastrophe bevor, ich weiß bloß nicht, was. Will sagen: Es herrscht eine Art Chaos in der Welt, und die anderen Songs finden im Schatten dieses Songs statt. Es gibt so viel Gutes, dass das Negative überwiegt, aber wenn du im Songwriting das Negative ignorierst, wäre das Album bedeutungslos. Beim letzten Album erreichten wir einen Punkt, an dem es sich für mich anfühlte, als hätten wir alles gesagt, was man über Romantik sagen kann. Dieses Mal war es an der Zeit, auch das Album entsprechend zu betiteln, damit die Leute diese Dinge nicht überhören.
teleschau: Und wie treten Sie diesem Chaos entgegen? "Meckern, aber nichts tun" wäre ja eine faule Einstellung, oder?
Smith: Zu sagen, was richtig und was falsch ist, ist nicht der richtige Ansatz. Die besten Protestsongs sind Lieder über universelle Dinge. Über Emotionen.
teleschau: Haben Sie einen Lieblingsprotestsong?
Smith: Ja, habe ich. "Shipbuilding", geschrieben von Elvis Costello und interpretiert von Robert Wyatt. Der Typ, der für sein linkes sozialistisches Denken bekannt ist. Er hat eine schöne Stimme, er singt in seinem eigenen Akzent. Es geht um den Falklandkrieg, aber eigentlich auch nicht. Es geht einfach um das alltägliche Leben der Menschen. Es hat diese wunderschöne Metapher "We could be diving for pearls" - wir könnten nach Perlen tauchen, anstatt nur zu arbeiten und dafür auch noch angeschrien zu werden. Das ist auch der textliche Standpunkt auf unserem Album ...
teleschau: Ihr Keyboarder Lukas Wooller sagte über die Entstehung des neuen Albums, dass die Welt "nicht noch ein Gitarrenalbum von fünf Typen braucht: Es war Zeit, uns neu zu positionieren." Wie sehen Sie das?
Smith: In dem Punkt würde ich mit Lukas nicht übereinstimmen. Klar, die Welt glaubte nicht, dass sie es brauchen würde. Und auf einer breiten Ebene hatten die Leute Gitarrenbands irgendwie satt. Aber wenn du ein tolles Album herausbringst, macht das nichts. Dieses Album wird vielleicht kein kommerzieller Erfolg, aber für mich ist es ein gutes Album.
teleschau: Obwohl es wie ein "typisches" Maximo-Park-Album klingt?
Smith: Ja. Denn uns wurde klar, dass wir mit Maximo Park anders als alle anderen klingen. Bevor mir das eine Freundin im Pub in Newcastle sagte, war mir das nicht bewusst. Aber es stimmt, wir haben immer schon Songs geschrieben, die recht zeitlos sind. "Going Missing" etwa hätte auch von - sagen wir - Pearl Jam sein können - wenn ich nicht singen würde. "Graffiti" könnte auch eine Art Replacements-Song sein. Aber am Ende des Tages bin es ich, der da singt. "Hips & Lips" jetzt zum Beispiel ist schräger Techno-Industrial-Pop. Aber ich singe darüber, also sagt jeder, dass es doch nach Maximo Park klänge. Was auch immer wir tun, am Ende würden wir doch immer noch wie Maximo Park klingen.
teleschau: Vor drei Jahren sagten Sie im Interview: "Ich fände es toll, würden Leute in 40 Jahren noch unsere Musik hören können." Können Sie sich heute gar vorstellen, noch solange weiterzumachen? Oder wäre es in Ordnung, wenn nach diesem Album Schluss sein sollte?
Smith: Du musst jedes Album nehmen, wie es kommt, wie ein Fußballer. Du kannst nicht allzu weit in die Zukunft schauen, denn wenn du deine Augen vom Ball nimmst, denkst du irgendwann über Dinge nach, die noch nicht passiert sind.
teleschau: In Ihrer Heimat Newcastle gab es vor ein paar Jahren eine Maximo-Park-Edition des Newcastle Brown Ale. Hat das Bier heute Sammlerwert oder landeten die Flaschen auf dem Müll?
Smith: Ich habe keine Ahnung, aber ich glaube, es wurde einfach alles leer getrunken. Viele Leute haben sich im Namen von Maximo Park mal so richtig besoffen. Vielleicht machen wir noch eine neue Kollektion und versuchen, noch ein paar mehr Menschen besoffen zu machen.
teleschau: Aber Sie selbst trinken immer noch kein Bier?
Smith: Ganz bestimmt nicht!
Maximo Park auf Deutschland-Tournee:
24.06., Frankfurt, Lüften Festival
20.07., Karlsruhe, Das Fest
21.07., Schloß Holte-Stukenbrock, Serengeti
28.07., Großefehn, Omas Teich Festival
10.08., Hamburg, Dockville Festival
08.09., München, Energy In The Park
16.10., Erlangen, E-Werk
19.10., Berlin, Astra
20.10., Leipzig, Werk 2
21.10., Hamburg, Große Freiheit 36
23.10., Frankfurt, Gibson
27.10., Köln, Live Music Hall
Fabian Soethof



