Musik / Backstage

"Es gibt keine Erfolgsformel!"

Linkin Park veröffentlichen "Living Things"

Linkin Park sind längst das gute Gewissen der Rockmusik. Saubermänner, die all den Dreck, den Nu Metal einst ausmachen wollte, hinter sich ließen. Sie besannen sich fortan auf ihre Stärken: Linkin Park stehen heute für Crossover-Musik, bringen Rock-Instumentarium und DJ-Equipment gleichberechtigt auf die Bühnen der Welt. Und verließen sich nie auf einfache Erfolgsrezepte, ihr neues Album "Living Things" hat mit ihren Anfängen nur noch wenig am Hut. Das gilt auch optisch: Mike Shinoda, Rapper, Songschreiber, Keyboarder, Gitarrist und musikalischer Kopf der Band, trägt schon lange keine rotgefärbten Stachelhaare und Ziegenbärtchen mehr wie vor zehn Jahren. Er verrät aber im Interview im Berliner Grand Hyatt vorab, dass er diesen Look im Nachhinein selbst lustig findet - und ist auch sonst ein sympathischer und gefragter Kerl. Er ist seit 2003 mit einer Kinderbuchautorin verheiratet und inzwischen zweifacher Vater. Ein Saubermann eben, der im Interview auch über alte Schmutzwäsche, eine Musiker-Fehde nur noch lächeln kann.

teleschau: Einige Journalisten-Kollegen haben Sie gerade vor laufender Kamera einen Satz von Lothar Matthäus zitieren lassen. Sind Sie Fußball-Fan?

Mike Shinoda: Nein. Neulich hatte ich ein Interview mit einem Herren von einem Sportmagazin, und der wollte ausschließlich über Fußball reden. Ich sagte ihm schon bei der ersten Frage, dass ich kaum Ahnung davon habe, aber er redete immer weiter. Ich saß nur da und wunderte mich. Das ist so, als würde ich sie über - sagen wir - Existenzialismus befragen. Sie hätten vielleicht keine Ahnung, und ich würde dennoch immer weiter fragen.

teleschau: Keine Angst, keine weiteren Fußball-Fragen. Aber über Berlin: Sie halten sich hier gerne länger auf, stimmt das?

Shinoda: Ja, für gewöhnlich wohnen wir hier und fliegen zu unseren Shows, wenn wir welche in der Gegend haben. Wir sind glücklich, auf Tour an einem Ort bleiben zu können, statt jeden Tag umziehen zu müssen. Das hält die Dinge ein bisschen normaler.

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teleschau: Die Frage stellt sich auch, weil Ihre Plattenfirma nur wenige Minuten Interviewzeit eingeräumt hat. Scheint, als wären sie tatsächlich eine der größten, zumindest aber eine der meistbeschäftigten Rockbands der Welt ...

Shinoda (lacht): Der eigentliche Grund ist der, dass wir heute eigentlich einen Tag frei haben und ich meine Stimme schonen sollte. Wir sind seit zwei Wochen unterwegs, und ich hatte bisher nur zwei Tage Pause. Aber ja, ich habe schon genug zu tun.

teleschau: Was machen Sie, um nach Shows und Promotagen zu entspannen?

Shinoda: Wenn wir hier sind - und das lässt mich jetzt vermutlich als Lügner dastehen - gehen wir tatsächlich hin und wieder zu Fußballspielen. Ich schaue viele Filme, zumindest mehr als zu Hause. Ich mache Musik im Hotelzimmer, ich spreche mit meiner Familie über den Laptop.

teleschau: Sie malen aber nicht auch, wie Sie es ja neben der Musik eigentlich tun?

Shinoda: Manchmal. Nicht gerade jetzt, hin und wieder aber zeichne und male ich. Wenn ich Telefoninterviews gebe, kritzle ich ein paar Skizzen. Manchmal poste ich die auch bei Instagram, Twitter oder Facebook. Das macht dann Spaß.

teleschau: Bei all Ihren Touren und Aufenthalten wie jetzt hier: Hat Sie Ihre Familie noch nie zurückgepfiffen oder gebeten, mal langsam nach Hause zu kommen?

Shinoda: Wir arbeiten daran und kriegen es irgendwie hin. Es ist nicht einfach, aber ein Teil dessen, wie die Dinge eben für mich laufen.

teleschau: Es ist Ihr Job, den Sie seit nunmehr 16 Jahren machen. Ihr Debüt kam vor zwölf Jahren heraus und damit der Durchbruch.

Shinoda: Ja, unsere Bandgeschichte in Kurzform geht ungefähr so: Die ersten Demos, die ich aufnahm und ungefähr nach dem klangen, was wir jetzt tun, passierten gegen 1996. Dann unterschrieben wir den Plattenvertrag, nahmen "Hybrid Theory" zwischen 1999 und 2000 auf.

teleschau: Wenn Sie jetzt darauf zurückschauen: Wie erklären Sie sich Ihre erfolgreiche Karriere?

Shinoda: Nun, da gibt es ja keine Formel, keine vorgezeichnete Wegkarte. Einige Bands wiederholen das Gleiche immer und immer wieder, und es funktioniert gut für sie. Uns würde das verrückt machen. Unsere ersten beiden Alben "Hybrid Theory" und "Meteora" sind sich ähnlich, der Rest ist aber sehr verschieden. Einfach weil wir uns Herausforderungen stellen und Dinge tun wollen, die wir vorher nicht taten. Hätten wir aus dem dritten Album das gleiche wie die ersten beiden gemacht, hätten wir uns gelangweilt.

teleschau: Das heißt, dass Linkin Park beim Songwriting und den Aufnahmen zuerst sich fragen, ob das Ergebnis Ihnen gefällt und dann erst, ob es auch Ihren Fans gefällt?

Shinoda: Ich persönlich könnte mir nicht vorstellen, einen Song allein auf der Grundlage zu schreiben, ob ihn jemand anderes mag. Das wäre falsch. Woher soll ich auch wissen, was sie mögen? Im Groben kann ich natürlich raten. Wenn ich weiß, dass sie Mumford & Sons mögen, werden sie ein neues Album von ihnen wahrscheinlich auch mögen. Wir wollen aber was Neues erschaffen. Wir sind die Art von Band, die einen Song erst konzipiert und dann schreibt. Ich höre immer wieder diese Geschichten von Künstlern (legt sich den Handrücken an die Stirn): "Ich hatte einen Traum über einen Song, und dann wachte ich auf und schrieb ihn herunter ..."

teleschau: The Mars Volta erzählen das gerne ...

Shinoda: Jeder sagt das. Auch Paul McCartney sagt das. Das ist eben der Weg, wie manche Leute schreiben. Sie denken über einen Song nach und dann schreiben sie ihn. So arbeiten wir nicht. Ich wünschte manchmal, ich könnte es. Denn das hört sich weniger schmerzvoll an als das, was wir manchmal durchmachen, wenn wir einen Song schreiben.

teleschau: Inwiefern?

Shinoda: Wenn wir mit Worten und Melodien um die Ecke kommen, ziehen wir die eher aus dem Unbewussten und gehen auf eine Reise. Wir fokussieren uns nicht darauf, wo wir oder der Song hingehen sollen. Wir lassen ihn sein, was auch immer er sein will. Wie jammen, ohne zu jammen. Wir jammen nämlich nie zusammen. Wir spielen nicht mal einen Song zusammen, solange er nicht fertig ist. Buchstäblich jeder Song von uns wurde geschrieben, aufgenommen, gemischt und fertiggestellt, und erst dann lernten wir ihn zu spielen.

teleschau: Ihren Durchbruch erreichten Sie vor zehn Jahren neben und nach Bands wie den Deftones, Incubus und Limp Bizkit. Mögen Sie deren neue Alben?

Shinoda: Es kommt darauf an. Ich bin zum Beispiel sehr gespannt auf das neue Album der Deftones, das sie dieses Jahr herausbringen wollen.

teleschau: Wieso gerade die Deftones?

Shinoda: Nun dazu gibt es eine interessante Geschichte: Nach der gemeinsamen Tour, die wir 2001 spielten, ging unser Debüt ziemlich durch die Decke. Die Deftones bewarben gerade "White Pony", was meiner Meinung und der Meinung vieler anderer Deftones-Unterstützer nach ein wirklich großes Album hätte sein müssen. Sie verkauften davon aber nicht so viele Einheiten wie erhofft. Einige Mitglieder der Band waren darüber offenbar so traurig, dass sie ein paar schmutzige Dinge über uns sagten. Wir hörten davon, waren nicht gerade froh darüber, entschieden aber, nicht zurückzuschießen. Wir wollten es gut sein lassen und unter uns lästern, nicht in der Presse.

teleschau: Welche schmutzigen Dinge waren das?

Mike Shinoda: Das waren schon ein paar gehörige Unverschämtheiten. Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Wortlaut. Besonders Chino (Moreno, Deftones-Sänger, Anm. d. Red.) sagte ein paar Sachen. Ich glaube, dass er zu dem Zeitpunkt high war. Wir hörten davon und redeten nicht mehr miteinander für eine lange Zeit. Vor ein oder zwei Jahren liefen er und ich uns zufällig über den Weg, und wie durch ein Wunder hatten wir die Sache geklärt, ohne sie überhaupt erwähnt zu haben.

teleschau: Wie ging das?

Shinoda: Nun, wir redeten, er lud mich in ihr Studio ein und dazu, an einem Song mit ihm zu arbeiten. Daraus wurde zwar nichts, aber es machte Spaß und war sehr angenehm, mit ihm da zu sitzen und zu quatschen. Da wusste ich, dass die Deftones über unsere damalige Fehde komplett hinweg waren. Es gab in keiner Weise mehr böses Blut. Am Ende des Tages nahm ich ihn sogar mit auf einen Song, den ich für einen Soundtrack für einen Film namens "The Raid" aufnahm.

teleschau: Ein indonesischer Film mit einer sehr, sehr hohen Anzahl von Leichen ...

Shinoda: Es ist ein verrückter Film. Einer der besten Actionfilme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.

teleschau: Bisher brachten Sie fünf Alben in zwölf Jahren heraus. Nun heißt es, sie wollen alle 18 Monate ein neues Album veröffentlichen. Werden Linkin Park zur Fließband-Band?

Shinoda: Nein, so ist das nicht. Wir haben schon dieses Album hier recht schnell gemacht. Aber nageln Sie uns nicht auf diese Ansage fest! Es ging eher um die Idee eines Versuchs, unseren Fans mehr Musik zu geben. Wir tun, was wir können!

Fabian Soethof

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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