Musik / Backstage

Die Hand Gottes

Zum 65. Geburtstag von Carlos Santana

Er war gerade mal 22 Jahre, als er Weltruhm erlangte: Mit seinem legendären Auftritt beim Woodstock-Festival 1969 begann Carlos Santanas musikalischer Triumphzug. Der "Rolling Stone" setzte ihn in der "Top 100 Liste der besten Gitarristen aller Zeiten" auf Platz 20. Er bekam 1997 auf dem "Hollywood Walk Of Fame" seinen eigenen Stern, und sein Erfolgsalbum "Supernatural" (1999) stellte den Guinness-Weltrekord der meisten gewonnenen Grammys in nur einer Nacht auf. Bei der Grammy-Verleihung 2000 räumte Santana neun Trophäen ab und hielt eine bemerkenswerte Rede: "Leben heißt für mich träumen. Es geht mir nicht nur darum, die Menschen glücklich zu machen und zum Tanzen zu bringen. Ich möchte etwas verändern, sodass wir uns für unsereins besser bewusst werden und dass es nicht mehr so viele zwischenmenschliche Probleme gibt." Die Worte eines Erleuchteten? Sicherlich. Dennoch: So kurz sein Weg zu Weltruhm war, so beschwerlich war sein Weg zur Selbstfindung. Denn Carlos Santana, der am 20. Juli sein 65. Lebensjahr vollendet, war lange Zeit ein innerlich zerrissener Mensch, der oft Selbstzweifel hatte und wegen seiner Gutgläubigkeit auch schamlos ausgenutzt wurde.

Geboren wurde Carlos Santana in der mexikanischen Provinz Autlán de Navarro, den Großteil seiner Kindheit verbrachte er aber in der Grenzstadt Tijuana. Später zog er dann nach San Francisco, Kalifornien, wo er sein Talent als Gitarrenspieler perfektionieren sollte. Neben seinem Abschluss an der Mission High School, verdingte sich Santana als Tellerwäscher im örtlichen Diner und verdiente sich als Straßenmusiker ein Zubrot. In seiner Freizeit besuchte er "Bill Graham's Fillmore Auditorium", wo er solche Musikgrößen wie Muddy Waters, B.B. King und The Grateful Dead live erlebte. Und wie es der Zufall so wollte, suchten im Club einige Musiker einen Gitarristen, um eine neue Band gründen zu können: Die Santana Blues Band war geboren.

Danach ging alles recht schnell: Der energische und exotische Sound der Gruppe machte sie bis weit über die Stadtgrenzen von San Francisco bekannt und brachte ihnen einen Auftritt auf dem Woodstock-Festival ein. Eine legendäre Performance, die der Band ihren ersten Plattenvertrag verschaffte. Doch der plötzliche Erfolg hatte auch seine Schattenseiten: Neid, Missgunst, Drogenkonsum und künstlerische Differenzen bestimmten von nun an das Bandgefüge. Santana selbst schwor nach Woodstock den Drogen ab, wie er 2002 in einem TV-Interview mit "CBS" verriet: "Meine Gitarre kam mir wie eine sich windende Schlange vor - deswegen habe ich auf der Bühne auch andauernd Grimassen geschnitten. Ich dachte mir die ganze Zeit nur: 'Gott, um Himmels willen, hilf mir. Ich werde nie wieder Drogen nehmen.' Ich hatte verdammt große Angst."

Halt und Trost suchte Santana in der Spiritualität: Anfang der 70er-Jahre wurde er Fan der Fusion-Band The Mahavishnu und freundete sich mit deren Gitarristen John McLaughlin an. Jener machte ihn mit dem indischen Guru Sri Chinmoy bekannt, von dessen Lehren Santana sofort begeistert war - und schloss sich ihm an.

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Carlos Santana, der 1972 seine Freundin Deborah heiratete und mit ihr drei Kinder bekam, war für den Guru ein gefundenes Fressen: Sri Chimnoy nutzte Santanas spirituelle Affinität gnadenlos aus. Er verpasste dem Gitarristen den Namen Devadip - "Das Licht der Lampe und das Auge Gottes" - und verlangte von ihm und seiner Frau, dass sie ohne Widerworte seinen Lehren folgen sollten. Unter seiner künstlerischen Ägide spielten Santana und McLaughlin das Album "Love, Devotion, Surrender" auf. Auf diesen drei Wörtern fußten Chinmoys Lehren: Liebe, Hingabe und Aufgabe.

Neun Jahre lauschte Santana den Worten des Gurus, bis der Gitarrist sich über die rigiden Regeln mit dem spirituellen Führer zerstritt und sich von ihm löste. Doch Sri Chinmoy sann auf Rache und versuchte den Musiker mit ihm allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu zerstören, wie Santana 2000 im "Rolling Stone" berichtete: "Chinmoy hat allen meinen Bekannten und Freunden gesagt, dass sie mich nie wieder anrufen sollen, da ich bald im dunklen Meer der Ignoranz ertrinken werde, weil ich ihn verraten habe."

Zwar hatte Santana genug von organisierter Religion und den Versprechungen, die irgendwelche Prediger von der Kanzel riefen, aber seine Spiritualität hatte unter den Erfahrungen nicht gelitten. Im Gegenteil: Anfang der 90er-Jahre ließ er sich christlich taufen. Nicht, weil er ein Verfechter der Institution Kirche gewesen wäre, sondern weil er sich mit Gott verbunden fühlte. So erzählte er 2009 der "Beat Week": "Das Einzige, was wir im Leben wirklich machen müssen, ist zu akzeptieren, dass die einzige Realität die Liebe Gottes ist. Der ganze Rest ist pure Illusion."

Keine Illusion hingegen ist, dass Carlos Santana mit seiner Musik immer noch die Menschen berührt. Zwar musste er in den 90er-Jahren ein kreatives und kommerzielles Tief überstehen, sein Comeback-Album "Supernatural" wurde zu einer der erfolgreichsten Platten der Musikgeschichte. Heute kennt Santana, der sich gerne geerdet gibt und für die Rechte von Naturvölkern einsetzt, keine Selbstzweifel mehr. Das Bild vom erleuchteten Shamanen trübte nur die Scheidung von seiner Frau Deborah 2007. Inzwischen ist der Gitarrenvirtuose mit seiner Schlagzeugerin Cindy Blackman erneut glücklich verheiratet. In Sachen Liebe predigt Santana eben eine gewisse "Offenheit": "Liebe kommt nur rein, wenn man verletzlich ist. Wenn man hart ist wie ein Fels, kann die Liebe nicht rein. Weil man ständig dabei ist, sich zu schützen, zu verteidigen und anzugreifen", erklärte er 2010 in einem Interview.

Seine Spiritualität indessen lebt der Mexikaner inzwischen vor allem in seiner Musik aus. Der Mann mit dem göttlichen Gitarrenhändchen hat seiner Meinung nach einen fast göttlichen Auftrag: "Das Wichtigste, was die Musik leisten kann: Sie kann die Leute erheben, sie kann sagen, dass die Menschen den göttlichen Funken haben, den man braucht, um Wunder wahr zu machen."

Ben Hiltrop

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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