Dabei sein ist alles: Ab 27. Juli treten Athleten aus aller Welt in London bei den 30. Olympischen Spiele der Neuzeit gegeneinander an, um die Besten in ihren Disziplinen zu ermitteln. In der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs haben sich gerade die Gastgeber, die das größte Sportler-Team stellen, natürlich viel vorgenommen - aber nicht nur in sportlicher Hinsicht: Die Eröffnungs- und die Abschlussfeier sowie das Rahmenprogramm versprechen ein bombastisches Spektakel. Schließlich gilt Großbritannien nicht nur als Mutterland des Fußballs, sondern auch als Geburtsstätte der modernen Pop-Musik. Und auch hier gilt der olympische Gedanke: Dabei sein ist alles. So werden die Spiele zu einer musikalischen Großveranstaltung - vom Ex-Beatle und der Ex-Boyband, vom vielversprechenden Newcomer bis zu frisch wiedervereinigten Pop-Legende, von Pop, Rock über HipHop bis zu elektronischer Tanzmusik ist alles vertreten. Und vielleicht gibt's sogar eine Rückkehr der größten Girlband aller Zeiten ...
Gleich die offizielle Eröffnungszeremonie am Freitag, 27. Juli (live im ZDF ab 21.55 Uhr), dirigiert niemand Geringeres als der englische Kult-Regisseur und Oscar-Preisträger Danny Boyle ("Slumdog Millionaire", 2009). In einer filmreifen Inszenierung lässt er im Londoner "Olympic Stadium" drei Stunden lang von 15.000 Statisten die komplette britische Geschichte Revue passieren.
Unterstützt wird er vom englischen Elektro-Duo Underworld, mit dem der 55-Jährige seit seinem Überraschungserfolg "Trainspotting" (1996) immer wieder zusammenarbeitet und das für die musikalische Untermalung zuständig ist. Mit einem großen Medley fast aller bedeutender britischer Pop- und Rock-Acts, das über 80 verschiedenen Songs umfasst, entlässt Boyle Milliarden Fernseh-Zuschauer in die Olympischen Spiele in London 2012. Den krönenden Abschluss dieses musikhistorischen Exkurses bildet ein Live-Auftritt von Sir Paul McCartney.
Zeitgleich zu der offiziellen Eröffnungsfeier im Stadion findet das "Olympic Opening Ceremony Concert" im Londoner Hyde Park statt. Jeweils eine Band der vier einzelnen Teile des britischen Königreichs repräsentiert ihr Land: Die New-Wave-Pop-Urgesteine Duran Duran (England), die beiden Indie-Rock-Bands Stereophonics (Wales) und Snow Patrol (Schottland), sowie der Singer/Songwriter Paolo Nutini (Nordirland).
Die Olympischen Spiele 2012 stehen während der Wettkämpfe unter dem Motto "Rock The Games" - und dieser Name ist tatsächlich Programm. So steuert die britische Avantgarde-Rock-Band Muse die offizielle Hymne der Sommerspiele bei. Ihr Song "Survival" wird nicht nur bei jeder TV-Übertragung im Programm eingespielt, sondern ist auch beim Einlauf der Athleten in ihre jeweilige Wettkampfarena und vor jeder Siegerehrung zu hören. Für die Wettkämpfe im Radfahrstadion läuft mit "Theme From Velodrome" ein neuer Song der Electro-Dance-Pioniere The Chemical Brothers. Und drei weitere Künstler dürfen sich offizielle Olympia-Musiker nennen: Die Australier Pnau haben mit ihrem Elton-John-Remix-Album "Good Morning To The Night" so viel Aufmerksamkeit erregt, dass der Titeltrack in den Sportstätten gespielt wird. HipHopper Dizzee Rascall ("Scream") und das Indie-Elektro-Trio Delphic ("Good Life") konnten das Olympische Komitee ebenfalls von sich überzeugen.
Zusätzlich zu den fünf offiziellen "Olympia-Songs" wurde von vornherein eine Art Musik-Bibliothek angelegt und in fünf Kategorien aufgeteilt, um die komplette Bandbreite der Emotionen bei den Wettkämpfen zu verdeutlichen: "Energy", "Primetime", "Extreme", "Heritage" und "World Stage." Der Gesamt-Katalog der ausgewählten Stücke umfasst unglaubliche 2.012 Songs, die während der Spiele in den Wettkampfstätten laufen sollen. Geheimkonzerte in den Arenen ausgewählter Bands (unter anderem die amerikanischen Glam-Popper Scissor Sisters und das rappende Duo Rizzle Kicks) runden das musikalische Rahmenprogramm ab.
Den Höhepunkt bildet die Abschlussfeier der Olympischen Spiele am Sonntag, 12. August: Unter dem Titel "A Symphony Of British Music" sollen die musikkulturellen Errungenschaften Großbritanniens in den letzten 50 Jahren gefeiert werden (live im Ersten, ab 21.55 Uhr). Musiker und Bands aus allen Epochen werden dabei sein.
Die blutjunge britisch-irische Boyband One Direction bildet den Anfang der Zeremonie. Die Gruppe wurde bei der englischen Ausgabe von "The X-Factor" gecastet und wird mit einer Flashmob-Tanz-Choreografie den Abend einleiten. Die zweite Boyband des Abends - wenn man die Herren denn noch so nennen möchte - sind die Herzensbrecher von Take That. Rockig wird es mit The Who, George Michael sorgt für den gefühlvollen Part des Konzertes. Dazu kommen zwei kleine bis mittlere Sensationen: Mit Liam Gallagher verpfllichtete man die Stimme der aufgelösten Oasis für das Spektakel. Er kündigte an, dass er "Wonderwall" singen wird - der Song wurde seit dem Split der beiden Gallagher-Brüder Liam und Noel 2009 von beiden Streithähnen nicht mehr gespielt. Und: Gerüchten zufolge sollen sich die Spice Girls - zumindest für dieses Konzert - in Original-Besetzung wieder zusammentun und ihren Über-Hit "Wannabe" performen.
Wie auch schon bei der Eröffnungsfeier gibt es im Londoner Hyde Park ein Konzert, das den Abend würdig abschließen wird und eine bunte Mischung ausgesuchter Bands bietet: Bei "Best Of British" treten die frisch wiedervereinigten Indie-Rocker Blur, die New-Wave-Legenden New Order, die englische Ska-Band The Specials und das Rock-Quartett Bombay Bicycle Club auf.
Eine derartige musikalische Machtdemonstration, wie sie das Vereinigte Königreich zeigt, gab es in der Geschichte der Spiele so noch nicht. Und dabei sein werden (fast) alle. Denn im Konzert der großen Namen könnte man eine Band vermissen: die Rolling Stones. Aber wie Mick Jagger dem britischen TV-Sender "ITN" in einem Interview erklärte, waren die Rocker - obwohl sie derzeit ihr 50-jähriges Bühnen-Jubiläum feiern - noch nicht bereit für die Show "Wir haben sehr lange nicht mehr miteinander gespielt und ein Auftritt bei den Olympischen Spielen wäre für uns einfach zu riskant."
Ben Hiltrop






