Musik / Backstage

"Sensibel trifft es ganz gut"

Philipp Poisel veröffentlicht "Projekt Seerosenteich"

Zwei vergoldete Alben, ausverkaufte Tourneen, Popstar-Status: Sänger und Songschreiber Philipp Poisel hat in den vergangenen Jahren erstaunlich große Karriereschritte gemacht. Für die Aufnahmen seines jetzt erscheinenden Live-Albums "Projekt Seerosenteich" hat sich der 29-jährige Schwabe dennoch kleinere Bühnen ausgesucht. Im April und Mai tourte er mit Band und Streicherensemble durch Deutschland und inszenierte seine schönsten Stücke wie "Wo fängt dein Himmel an" oder "Eiserner Steg" (bekannt aus dem Matthias-Schweighöfer-Film "What A Man") vor einer detailverliebten, selbst angefertigten Kulisse. Im Interview spricht Philipp Poisel über Tischlerarbeiten, Schullandheime, die entspannte Stimmung rund um die "Seerosenteich"-Auftritte und die eigene Verletzlichkeit.

teleschau: Es heißt, am Anfang vom "Projekt Seerosenteich" stand die Idee, mal wieder runter von den großen Bühnen und zurück in den intimen Rahmen zu gelangen. Vielleicht auch, weil Ihnen das Interesse an der eigenen Person zuletzt zu viel wurde?

Philipp Poisel: Es hält sich ja alles noch in Grenzen. In meinem privaten Umfeld zum Beispiel beeinflusst mich der Erfolg gar nicht, da denke ich nicht mal daran. Erst wenn wir wieder zu einem Konzert fahren, und vor der Halle stehen schon Leute und warten, wird mir bewusst, was da gerade passiert. Ich hatte also nicht das Bedürfnis, aus diesem momentanen Rahmen zu entfliehen. Die Idee zu "Projekt Seerosenteich" entstand eher, weil wir zuletzt oft die Räumlichkeiten wechseln mussten. Hier und da wollten mehr Leute ein Konzert von uns sehen, als in den jeweiligen Saal gepasst hätten, also mussten wir in einen größeren umziehen. Ich konnte gut verstehen, dass diejenigen, die schon sehr früh Karten für einen bestimmten Auftrittsort gekauft hatten, sauer waren, wenn wir dann doch wieder in etwas Größeres, Anonymeres gehen mussten. Deshalb wollte ich mal eine Tour ganz ohne Kompromisse machen. Eine, die ich gestalten konnte, wie ich wollte.

teleschau: Was war konkret anders?

Poisel: Zum Beispiel machte ich mir über die Wirtschaftlichkeit der Konzerte überhaupt keine Gedanken und ließ mir da auch in nichts reinreden. Wir konnten ja auch durch andere Maßnahmen am Ende auf Null rauskommen.

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teleschau: Zum Beispiel?

Poisel: Zum Beispiel übernachteten wir auf dieser Tour zwölf Tage lang in einem Ferienheim. Und die Tänzerinnen, die wir auf den Bühnen hatten, kamen immer aus der Stadt, in der wir gerade gespielt haben.

teleschau: Bevor Sie spielen konnten, gab es reichlich Arbeit. Sie verbrachten viel Zeit in einer Tischlerei, um Bühnenbilder zu bauen. Wie muss man sich das vorstellen - Philipp Poisel an der Kreissäge?

Poisel: An der Stichsäge! (lacht) Wir waren im Tübinger Sudhaus, wo auch Konzerte stattfinden, und mieteten uns dort eine kleine Werkstatt. Wir besorgten uns Holz und Farben - und was wir eben so brauchten - und bauten Monate lang all die Dinge, die ich mir so überlegt hatte. Wir wollten ein zweidimensionales Bühnenbild - und zwar für fast jeden Song. Wir wollten einfach alles auf besondere Weise illustrieren. Außerdem haben wir in die Auftritte ja auch noch die Varieté-Ebene integriert. Das heißt, jeder aus der Band hat eine kleine Einlage gebracht.

teleschau: Hat Sie all die Mühe zusätzlich unter Druck gesetzt? Wollten Sie auf der Bühne womöglich noch besser sein, wenn schon so viel Arbeit drin steckte?

Poisel: Wie alles am Ende werden und wirken würde, konnten wir nicht wissen. Wir wussten nur: Die Zuschauer werden schon merken, wie viel Arbeit und Liebe in all dem steckt. Wir wussten, sie werden das respektieren und honorieren.

teleschau: Wie haben Sie dann die ersten Reaktionen des Publikums auf die Show erlebt?

Poisel: Ich erinnere mich noch genau, dass ich am Morgen vor der Generalprobe aufwachte und dachte: Was für ein Quatsch! Was sollen die Leute davon halten, wenn man da zum Beispiel als Wilhelm Tell verkleidet auf die Bühne kommt, und der eine schießt dem anderen mit einem Nylonfaden einen Apfel vom Kopf? Als das Publikum dann kam, fragten sich am Anfang tatsächlich einige: Was ist denn hier los? Aber weil das Ganze ja unter so einem Theaterbegriff lief, ließen sich die Leute nach einer Weile auch darauf ein. Wir bewegten uns bald zusammen in einer fantastischen Welt, in der nichts mehr hinterfragt wurde.

teleschau: War das eine Art Narrenfreiheit, die Sie sich während der Auftritte erlaubten?

Poisel: Ja! Ich habe es ja auch bewusst "Projekt Seerosenteich" genannt, weil ich damit offen lassen wollte, was am Ende passiert. Außerdem wäre es langweilig gewesen, wenn wir drei Stunden lang nur Gitarre und Geige gespielt hätten.

teleschau: Gab es vor den Shows eine spezielle Einstimmung? Vielleicht Rituale, die Sie gepflegt haben?

Poisel: Ich machte schon verschiedene Dinge, um vor den Auftritten ein Gefühl der Erdung zu bekommen. Zum Beispiel duschte ich eine Zeitlang immer vor den Konzerten, machte mich also fertig für die Konzerte, so wie man sich fertig macht, wenn man essen geht oder etwas anderes Schönes macht. Und dann machte ich mir immer einen Tee. Bei dieser Tour war es so, dass wir noch ein Streichquartett dabei hatten und insgesamt zwölf Leute waren. Das hatte was von einer Klassenfahrt, gerade als wir in dem angesprochenen Schullandheim waren. Das war in einem Wald in Wuppertal, dort konnten wir alle zusammen kochen und grillen. Es entstand eine tolle Gemeinschaft, die bewirkt hat, dass sich die Konzerte nicht wie sonst angefühlt haben, sondern dass man die Zeit zusammen einfach total genossen hat - auch auf der Bühne.

teleschau: Dort lassen Sie schnell eine gewisse Stimmung entstehen, die zwischen starker Romantik und tiefer Traurigkeit schwankt. Kommen Sie auf Knopfdruck in diese Stimmung?

Poisel: Der erste Song ist oft entscheidend. Ich versuche immer, offen an die Sache heranzugehen. Aber wenn die Stimmung im Publikum unruhig ist, kann es passieren, dass ich mich ein Stück weit in mein Schneckenhaus zurückziehe. Neulich erzählte ich auf der Bühne eine Geschichte, und jemand aus dem Publikum rief: Ey, laber' nicht, sing! Ich war total getroffen in dem Moment, das haben auch alle gemerkt, die Band, die Crew. Es kann dann passieren, dass ich die restliche Zeit einfach gar nichts mehr sage. Ich bin da schon verletzbar und nicht der Entertainer, der mit einem Spruch über so etwas hinweggeht.

teleschau: Würden Sie sich als sensibel beschreiben?

Poisel: Ja, vielleicht trifft es sensibel ganz gut. Auf der anderen Seite: Wenn mir ein gewisser Respekt entgegengebracht wird, kann ich mich dafür auch mit einer emotionalen Offenheit bedanken. Diese Konzertreihe war jetzt generell sehr dankbar, denn es waren bestuhlte Konzerte. Auch hier dachte ich anfangs: Halten die Leute es drei Stunden auf ihren Stühlen aus? Erschöpft sich das Ganze nach einer Weile? Aber diese Sorgen waren unberechtigt. Es wurde ein wirklich schönes Forum für diese Songs - besonders für die stilleren. Man musste sich nicht so behaupten, sondern konnte auch mal Pausen machen in einem Song, kurz atmen und die Stille stehen lassen.

teleschau: Und wie war es für Sie persönlich nach drei Stunden Show?

Poisel: Immer noch aufregend, allein, weil wir ja so viele waren. Es war immer was los, und das habe ich schon auch genossen. Es war nicht so, dass ich mich nach den Konzerten zurückziehen wollte. Es kam schon mal vor, dass ich körperlich erschöpft war und mich hinter der Bühne auf den Boden gelegt habe. Völlig k.o. war ich aber nicht.

Philipp Poisel auf Deutschland-Tournee:

07.12., Nürnberg, Meistersingerhalle

08.12., München, Circus Krone

10.12., Aachen, Eurogress

12.12., Frankfurt, Alte Oper

10.01.2013, Leipzig, Haus Auensee

11.01.2013, Dresden, Messe

12.01.2013, Gera, KuK

14.01.2013, Stuttgart, Beethovensaal

15.01.2013, Friedrichshafen, Graf-Zeppelin-Haus

16.01.2013, Baden-Baden, Festspielhaus

13.03.2013, Bielefeld, Stadthalle

14.03.2013, Hannover, AWD Hall

15.03.2013, Oberhausen, Arena

17.03.2013, Bremen, Pier 2

18.03.2013, Hamburg, CCH

Erik Brandt-Höge

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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