Serj Tankian ist und bleibt der Sänger von System Of A Down. Da kann er sich auf seinen Solo-Alben austoben, wie er möchte, sobald sein Libretto erklingt, hat man unweigerlich seine Hauptband vor Augen und in den Ohren. Versuchte er auf "Elect The Dead" (2007) noch nicht allzu sehr seine Wurzeln zu verbergen, so übte er spätestens mit "Imperfect Harmonies" (2010) den Befreiungsschlag. Jetzt orientiert er sich mit "Harakiri" erfreulicherweise wieder mehr an seiner alten Band. Doch damit sollte er sich langsam selbst eingestehen, dass die Zeit für ein neues System-Of-A-Down-Album mehr als reif ist.
Die orchestralen Versatzstücke, die noch in Maßen auf "Elect The Dead" und in Massen auf "Imperfect Harmonies" vorhanden waren, sind den elf neuen Kompositionen fast komplett entwichen. Dafür finden sich einige orientalische Arrangements ("Ching Chime", "Reality TV") und ein paar wenige elektronische Nuancen ("Deafening Silence") auf der neuen Platte ein. Zu wahrer Stärke findet Tankian aber erst bei den rockigen und damit auch den System-Of-A-Down-ähnlichsten Stücken ("Cornucopia", "Figure It Out", "Uneducated Democracy").
Der politische Aktivist und bekennende Vegetarier setzt sich mit seinen Texten wie gewohnt mit den Folgen des Kapitalismus auseinander und setzt sich verstärkt für die Rechte von Tieren ein. Für ungeübte Hörer mögen sich seine dadaistischen Ergüsse erst nach dem zweiten oder dritten Durchlauf - wenn überhaupt - erschließen, da einige Passagen doch recht wirr und unzusammenhängend wirken. Das macht die ganze Sache aber umso spannender, da man geradezu aufgefordert wird, sich bewusst mit Tankians Lyrik auseinanderzusetzen. Aber die durchaus intelligenten Texte können nicht über einige wenige musikalische Schwächen hinwegtäuschen.
Die schöpferischen Defizite von "Harakiri" liegen - und das ist Ironie und Meckern auf hohem Niveau zugleich - bei den Rock-Songs. Die Kompositionen bewegen sich überwiegend auf einem erstklassigen Level, aber mit der richtigen Backing-Band - sprich mit den restlichen drei Mitgliedern von System Of A Down - hätte Serj Tankian mit "Harakiri" eine absolute Bombe im Gepäck. Dass der Sänger mit den armenischen Wurzeln auch in Zukunft mehrgleisig fahren möchte, hat er schon mehrfach angedeutet. So arbeitet er derzeit an einem reinen Orchester-Album ("Orca") und einem stark vom Jazz beeinflussten Werk ("Jazz-Iz-Christ"). Ob da überhaupt noch Zeit für weitere härtere Stücke bleibt, darüber kann nur spekuliert werden. Aber mit "Harakiri" beweist Tankian, dass er das Schreiben von Rock-Songs zumindest nicht verlernt hat.
Ben Hiltrop
| Audio CD | |
|---|---|
| Bewertung | überzeugend |
| CD-Titel | Harakiri |
| Bandname/Interpret | Serj Tankian |
| Genre | Hard&Heavy |
| Genre | Alternative Rock |
| Erhältlich ab | 06.07.2012 |
| Label | Reprise |
| Vertrieb | Warner |
| Laufzeit | 45:13 |
| EAN Code | 0093624950936 |


