Web / Reportage

Sag mir, was du suchst

Microsoft öffnet das Suchnetzwerk so.cl für die Öffentlichkeit

Mit Tiefstapelei wird man nicht der größte Softwarehersteller der Welt. Man muss es einem Konzern wie Microsoft also nachsehen, wenn er mangels Übung beim Dämpfen von Erwartungen ein wenig übertreibt: Nicht mal auf seiner eigenen Homepage kündigte das Unternehmen an, dass sein Suchnetzwerk so.cl (sprich: social) nach rund halbjähriger Testphase an drei US-Universitäten nun für die breite Öffentlichkeit zugänglich ist. Oft und ausdrücklich wird das Projekt auf seiner Seite als Experiment deklariert, als Zielgruppe werden Studenten angegeben. Ein Schelm, wer darin einen Versuch sieht, die Fallhöhe beim Drahtseilakt Social-Network-Einführung möglichst gering zu halten.

Für seine Zurückhaltung beim Launch von so.cl wird Microsoft gute Gründe haben. Dass sich im Social-Media-Bereich schon einige Anbieter an vollmundigen Versprechen verschluckt haben, ist wohl der naheliegendste: Anybeat gab vor wenigen Wochen sein Scheitern bekannt, und auf der Seite des Netzwerks Unthink, das Nutzer Ende 2011 aus den Fängen von Datenhändlern befreien wollte, findet sich nur noch der farbenfrohe Hinweis, das hier bald etwas sehr Cooles beheimatet sein werde. Die VZ-Netzwerke arbeiten an einem Relaunch, während Diaspora den Start der Beta-Phase weiter vor sich her schiebt. Und als Alternative zu Facebook konnte sich selbst Google+ nie wirklich positionieren.

Statt Facebook zu bekämpfen entschloss sich Microsoft, gemeinsame Sache mit dem Social-Network-Platzhirsch zu machen: Um so.cl zu nutzen, benötigen Interessenten entweder einen Windows-Live- oder Facebook-Account. Die Frage, ob man nun seine gewohnte Netzwerkumgebung verlassen und Freunde zum Wechsel bekehren muss, stellt sich also gar nicht erst. Denn so.cl zielt weniger darauf ab, Menschen zu vernetzen, die sich kennen, als darauf, Nutzer zusammenzubringen, die sich wohl gern kennen würden. Grundlage dafür: ähnliches Suchverhalten.

Da kommt Microsofts Suchmaschine Bing ins Spiel, das Herzstück des neuen Netzwerks: Jede Suche, die so.cl-Nutzer anstoßen, wird prinzipiell für jedes andere Netzwerkmitglied sichtbar, sofern nicht zuvor der Privatmodus neben dem Suchfenster gewählt wurde. Alle Bilder, Links und Videos, die der User im Rahmen seiner Anfrage anklickt, ordnet so.cl zu einem Post an. So lassen sich in einem Beitrag zum Cannes-Eröffnungsfilm "Moonrise Kingdom" beispielsweise Trailer, Filmhomepage, Szenenbild und erste Kritiken zu einem Gesamtpaket schnüren.

mehr Bilder

Der Klick auf den "Done"-Button entlässt die übersichtlich aufbereitete Sammlung in den Feed - und hilft nun im besten Fall Usern weiter, die den gleichen Suchbegriff in die Bing-Maske tippten. Die können das Ergebnispaket nicht nur sehen, sondern auch kommentieren, ergänzen und für gut befinden. Gleichgesinnte finden so schnell den Weg zueinander und lassen sich per "Follow"-Button merken. Der Feed, der grundsätzlich alle öffentlichen Beiträge von allen Nutzern zeigt, verfügt dementsprechend neben der Anzeigeoption "My Interests" auch über einen "People I Follow"-Filter - Erfahrungsaustausch leicht gemacht.

Allerdings sollten sich die so.cl-User darüber im Klaren sein, dass ihnen auch Microsoft folgt. Und zwar immer. Und nicht allein: Ohne Schnörkel und Verklausulierung formuliert der Konzern in den Datenschutzbestimmungen, dass man selbst bei privaten Suchanfragen über die Schulter des Netzwerkmitglieds blicke. Bei öffentlichen Beiträgen, Kommentaren, Verlinkungen und Likes lesen neben anderen Usern und dem Plattform-Initiator auch nicht näher definierte dritte Parteien mit. Und die dürfen die gesammelten Informationen, die immerhin in Verbindung mit der Facebook-ID stehen, für wie auch immer geartete Zwecke verwenden - ausdrücklich auch kommerzielle.

"So.cl ist darauf ausgerichtet, dich von der 'Weisheit der Masse' profitieren zu lassen, indem es Informationen über deine Aktivitäten sammelt und zum kollektiven Wissen hinzufügt", heißt es in den Datenschutzbestimmungen des Netzwerkes. Ob die Weisheit der Masse jedoch so viel wert ist wie das, was man über seine Suchanfragen über sich preisgibt, ist eine Frage, die sich jeder so.cl-Interessent stellen muss. Denn wenn sich werbetreibende Unternehmen die Finger schon nach den Informationen lecken, die Facebook über den einzelnen Nutzer herausfindet, wie attraktiv muss es für sie dann erst erscheinen, wenn Microsoft nun noch die Suchanfragen - also ein detailiertes Interessenprofil - des Facebookmitglieds obendrauf legen kann? Datenschützer würden so.cl wohl bedenklich nennen - Microsoft nennt es ein Experiment.

Annekatrin Liebisch

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

Versenden Drucken

Weitere Artikel


Marktplatz

Anzeigen-Suche

powered by Marktplatz

Kategorie:

Anzeigen-Aufgabe

Geben Sie in drei einfachen Schritten Ihre Online-Anzeige auf.

Ticketshop

Sichern Sie sich im Radio Rur Ticketshop die Tickets Ihrer Wunschveranstaltung!

Mitarbeiter

Wer steckt hinter
Radio Rur?

Stauschild

Melden Sie Staus und Blitzer!
Hotline: 0800 - 50 80 110

Wetter

Die ausführliche Wettervorhersage für den Kreis Düren und NRW.

Soundcheck

Die Platzierungen der Woche aus unserer Sendung Charts für Sie zum Nachlesen.

Anzeige
Zur Startseite