Kino / Portraits

"Ich hatte nur mein Herz"

Yasin El Harrouk spielt im Münchner "Tatort: Der Wüstensohn" (Sonntag, 14. September, 20.15 Uhr, ARD)

"Gott liebt die Geduldigen", sagt Yasin el Harrouk. Dabei musste der 22-jährige Spross einer marokkanischen Gastarbeiterfamilie nicht lange auf seine erste Traumrolle warten: Worauf manche Schauspieler ein Leben lang hoffen, wurde für ihn ein Jahr nach der Schauspielschule und gleich beim ersten Engagement vor der Kamera wahr: Im Münchner "Tatort: Der Wüstensohn" (Sonntag, 14. September, 20.15 Uhr, ARD) gibt er den Titelhelden derart eindrucksvoll, dass man davon ausgehen darf, noch viel von diesem markanten jungen Mann zu hören. Ein märchenhafter Karrierestart für den noch völlig unbekannten Schauspieler, der auf eine ebenso märchenhaft anmutende Vita verweisen kann. Sie könnte unter dem Titel "Vom Hauptschüler zum 'Tatort'-Star in fünf Jahren" stehen und hat etwas vom amerikanischen Traum oder eher einem arabischen Märchen aus 1.001 Nacht. Und doch ist es auch eine deutsche Story, die der in Stuttgart geborene Yasin el Harrouk zum Besten gibt.

Im Film spielt er den schwerreichen Sohn eines noch reicheren arabischen Emirs. Dass dieser Nasir ein Typ ist, den keiner so schnell vergessen wird, ist schon nach den furiosen ersten Augenblicken klar, wenn er mit grimmigem Blick aus einem Lamborghini klettert, auf dessen Beifahrersitz eine Leiche liegt. "Arschgeigen" schimpft er die Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) sogleich.

Yasin el Harrouk muss lachen, wenn er über seinen "Tatort"-Auftritt, den geheimnisumwitterten, pampigen Prinz mit Diplomatenstatus, spricht. "Dieser Reichtum und all das" sei nur eine Rolle, das habe mit ihm persönlich nichts zu tun, sagt er und bemerkt, er sei eher bescheiden und fahre "lieber einen kleinen VW". Yasin berichtet nicht minder glaubhaft, er habe die "großen Schauspieler" Nemec und Wachtveitl am Set weitaus freundlicher als in jenem ersten Dialog begrüßt. "Gleich am ersten Drehtag habe ich gesagt: 'Ohibuka ya Akhi' - 'Ich liebe dich, Bruder'. Das war unser Anfang." Heute schwärmt er von den "Freunden" aus der bayerischen Landeshauptstadt, die ihm Türen geöffnet und Tipps gegeben haben. Angst vor dem, was nun kommen könnte? Yasin lacht wieder. Nein, Angst habe er nicht. "Man darf sich nichts erzählen lassen, man muss alles selbst erleben." Er sei "bereit für vieles und gehe wie immer in meinem Leben mit dem Herzen ran", sagt er selbstbewusst und verweist überdies darauf, ein "echter Freestyler" zu sein: "Ich komme von der Straßenmusik."

Der Märchenprinz lacht nicht nur viel im Interview, zwischendurch rappt und singt Yasin el Harrouk auch gerne mal - wenn er nicht gerade klassische Theatertexte von Schiller, Ibsen oder Shakespeare rezitiert. Den intriganten Jago aus "Othello" zum Beispiel: "Hätte die Waage unsres Lebens nicht eine Schale voll Vernunft, um eine andere von Sinnlichkeit aufzuwiegen, so würde unser Blut und die Bösartigkeit unsrer Triebe uns zu den ausschweifendsten Verkehrtheiten führen." Die Worte könnten gut zu diesem von der Kultur beseelten Energiebündel passen. Immerhin betont der Jungschauspieler, dass er ein ausgleichendes Wesen habe, dass er in der Familie schon immer der Vermittler gewesen sei, dass er sehr bewusst und gerne in der Mitte zwischen der arabischen und der deutschen Kultur lebe und froh sei, von beiden Seiten so viel mitzubekommen. Die Schauspielerei sei für ihn auch "eine Möglichkeit, Sachen loszuwerden - auch solche, die man in sich trägt und die einem nicht gut tun". Das Spielen habe für ihn etwas Reinigendes.

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Yasin el Harrouk, der als mittleres Kind unter sieben Geschwistern in Stuttgart aufwuchs und auch vier Jahre in der marokkanischen Heimat verbrachte, spricht voller Respekt und Liebe von seinem Elternhaus. Er sei zwar ein extrovertierter Junge gewesen mit einer großen Lust daran, sich Ausdruck zu verschaffen. Dennoch sei der Vater, "so ein typischer arabischer Vater", angesichts der Berufswahl aus allen Wolken gefallen. "Heute ist er mächtig stolz, wenn er den deutschen Ämtern von seinem Sohn erzählt: Sein Junge im Münchner 'Tatort' - unglaublich."

Unglaublich - das passt auf vieles, was el Harrouk widerfuhr. Nach der Hauptschule habe er arbeitslos "zu Hause rumgesessen". Auch um seiner Mutter einen Gefallen zu tun, bewarb er sich auf einen 400-Euro-Job, auf den sie in einer Kleinanzeige stieß: "Migranten gesucht für Komparsentätigkeit am Staatstheater Stuttgart." Also, erzählt Yasin, "bin ich hingegangen und stand mit 15 Ausländern da, um Sätze aufzusagen". Er wurde ausgewählt - für eine Rolle im Chor von Volker Löschs Produktion "WUT". "Bei der Premiere war ich total gut drauf und habe wie wild getanzt", erinnert er sich an den Tag, der letztlich sein Leben veränderte. Direkt nach dem Stück habe sich die Dramaturgin Beate Seidel erkundigt, ob er Lust habe, weiter Theater zu machen. "Ich dachte erst, sie meint, ich soll jetzt noch ein Jahr lang in dem Chor mitmachen." Aber Beate Seidel meinte eine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Kunst. Und so kam der arbeitslose Hauptschulabsolvent Yasin el Harrouk, der unter dem Kürzel Yo-Ne hobbymäßig Musik macht, zur Begabtenprüfung für Nichtabiturienten ...

Das Erste, was der Deutsch-Marokkaner an der Schauspielschule lernte, war die Erkenntnis: "Nur wer mitmacht, kommt weiter!" Er erinnert sich an eine "schwierige Anfangszeit" unter all den vorgebildeten deutschen Mit-Studierenden. "Die hatten ihr Reclam-Wissen, und ich hatte nur mein Herz." Doch dann habe es klick gemacht: Yasin hat sich "stapelweise Lektüre mit nach Hause genommen und alles aufgesogen". Er hat sehr schnell gelernt - für die Schule wie fürs Leben. "Zum ersten Mal hatte ich mit dieser großartigen hochdeutschen Sprache zu tun, was für ein wunderbares Abenteuer!" Schließlich habe er "angefangen, zu verstehen", erzählt Yasin bedeutungsschwanger. "Ich entdeckte eine neue Welt."

Sein zentrales Thema ist die Kultur, wobei Kultur natürlich immer auch alle anderen Aspekte einer Gesellschaft mit einbezieht: "Du merkst schon", hebt er an, "dass die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, eine Ellbogengesellschaft ist." Ihn habe das nie interessiert. "Ich wollte meinen Weg gehen, immer geradeaus, ohne dass ich andere Menschen beeinträchtige." Überhaupt wolle er stets das tun, was er nur mit ganzem Herzen tun könne. "Ich kann nicht anders", beteuert Yasin, der seit über einem Jahr in Basel an der Volksbühne arbeitet und nebenbei Projekte für Schüler mit Migrationshintergrund realisiert. Dass es ihm dabei gelungen sei, junge Leute aus unterschiedlichen kulturellen und sozialen Verhältnissen zusammenzubringen, "Asylanten und Gymnasiasten", wie er sagt, dass er es geschafft habe, "ein bisschen Frieden zu stiften", sei das größte Erfolgserlebnis bis dato gewesen. Und in diesem Sinne möchte er weitermachen. Als Musiker und Schauspieler, als Künstler, der die Menschen und womöglich ja auch Kulturen verbindet.

Heute ist Yasin el Harrouk zuversichtlich, was das große Ganze angeht: "Die Integration wird gelingen." Aber auch ihm, der in jungen Jahren skeptisch war, wurden die Augen erst geöffnet, nachdem er sich entschloss, sein Wissen zu vermehren. "Wir müssen einander noch weiter annähern, aber Annäherung passiert nur durch Bildung", doziert der Nachwuchsschauspieler, der mit seiner Mutter im Spaß die Wette laufen hat, dass er eines Tages mehr Kinder haben wird als sie. Fürwahr große Ambitionen. Aber Yasin el Harrouk weiß: "Gott liebt die Geduldigen."

Frank Rauscher

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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